
Der Brandbrief gegen Gregor Gysi
Mehr als 200 Parteimitglieder werfen dem Linken-Urgestein vor, rassistische Narrative zu bedienen — und legen ihm eine „Weiterbildung“ nahe. Parteichef van Aken äußert sich. Der Streit kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Gregor Gysi, 78, Alterspräsident des Bundestages, Urgestein der Linkspartei und einer ihrer prominentesten Köpfe, ist es gewohnt, Parteistreits zu kommentieren — nicht, ihr Mittelpunkt zu sein. Das hat sich geändert. Ein Brandbrief von mehr als 200 Parteimitgliedern wirft ihm vor, rassistische Narrative zu reproduzieren, und legt ihm eine „Weiterbildung“ nahe.
Der unmittelbare Anlass ist ein Interview, das Gysi dem Magazin Focus gegeben hatte. Darin erklärte er den seiner Meinung nach gestiegenen Antisemitismus in der Partei mit dem Zuzug von Mitgliedern mit Migrationshintergrund — diese brächten „Sichten auf Israel mit, die falsch sind.“ Für den palästinasolidarischen Flügel der Partei ist das ein rotes Tuch.
Der Streit entlädt sich auf dem Boden eines schon länger schwelenden Konflikts. Am 15. März 2026 verabschiedete die Linke Niedersachsen auf ihrem Landesparteitag in Hannover Anträge der Linksjugend Solid, die Israel mit Begriffen wie „Genozid“ und „Apartheid“ belegen. Der Beschluss provozierte sofortige Reaktionen: Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter und Linken-Politiker Andreas Büttner erklärte noch am selben Wochenende seinen Parteiaustritt.
Chronologie des Streits
- Nov. 2025: Linksjugend Solid beschließt auf ihrem Bundeskongress, Israel sei ein „rassistisches und kolonialistisches Staatsprojekt“. Gysi, Ramelow und 17 Bundestagsabgeordnete antworten mit einem Brandbrief.
- Feb./März 2026: Gysi erklärt im Focus-Interview, migrantische Neumitglieder brächten antisemitische Vorstellungen mit — Kritik an dieser Aussage beginnt zu wachsen.
- 15. März 2026: Linke Niedersachsen verabschiedet antizionistischen Beschluss auf Landesparteitag. Parteichef van Aken stellt sich dahinter.
- 15./16. März 2026: Andreas Büttner tritt aus der Partei aus. Brandbrief gegen Gysi von 200+ Mitgliedern.
- 17. März 2026: Spiegel berichtet, van Aken äußert sich. Parteiinterne Eskalation setzt sich fort.
Parteichef Jan van Aken versuchte zunächst, den niedersächsischen Beschluss zu verteidigen. Er finde die Formulierungen zwar „nicht gut“, aber inhaltlich stehe nichts darin, was die Parteilinie verletze. Gegenüber dem Brandbrief gegen Gysi äußerte sich van Aken zurückhaltender — er versucht, eine offene Eskalation auf der Bühne zu vermeiden, bevor der Parteitag im Juni stattfindet.
Die Ironie der Situation ist scharf: Gysi hatte im November noch selbst einen Brandbrief gegen die Linksjugend unterzeichnet, in dem er warnte, „etwas sei in der Partei ins Rutschen gekommen.“ Nun steht er am selben Pranger, den er damals für andere aufgestellt hatte.
Der Grundkonflikt ist demografischer Natur. Die Linke erlebt seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 einen starken Mitgliederzuwachs — getragen vor allem von jüngeren, palästinasolidarischen und migrantischen Mitgliedern. Diese neue Mehrheit drückt der Partei programmatisch ihren Stempel auf, in einem Tempo, das die alte Garde überrumpelt. Was folgt, entscheidet sich auf dem Bundesparteitag im Juni.
