Deutschland · Syrien
Bundeskanzler Merz empfängt Syriens Übergangspräsidenten in Berlin. Es geht um Rückführungen, Wiederaufbau und 200 Millionen Euro. Aber wer ist der Mann, dem Deutschland die Hand reicht, und was bedeutet das für fast eine Million Syrer in Deutschland?
Von Luca C · 30. März 2026 · Quellen: Tagesspiegel, ZDF, t-online, Euronews, nd
Ahmed al-Scharaa saß heute Mittag mit Friedrich Merz im Kanzleramt. Vor drei Jahren wäre das undenkbar gewesen. Der Mann, der als Übergangspräsident Syriens durch europäische Hauptstädte reist, stand bis vor kurzem auf Terrorlisten der USA und der Vereinten Nationen. Heute unterschreibt er Arbeitsprogramme mit dem deutschen Bundeskanzler.
Das Ergebnis des Treffens ist konkret. Merz und al-Scharaa verkündeten auf einer gemeinsamen Pressekonferenz: Deutschland und Syrien richten eine gemeinsame Taskforce ein. Das Ziel: 80 Prozent der rund 940.000 in Deutschland lebenden Syrer sollen innerhalb der nächsten drei Jahre zurückkehren. Der Bund stellt über 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau bereit. Eine Delegationsreise nach Syrien soll in wenigen Tagen starten.
Was vereinbart wurde
▸ Gemeinsame Taskforce für Rückkehr und Wiederaufbau
▸ Ziel: 80% der 940.000 Syrer sollen in drei Jahren zurückkehren (Tagesspiegel)
▸ 200 Millionen Euro Wiederaufbauhilfe in 2026
▸ Schwerpunkte: Krankenhäuser, Lehrkräfte, Wasserversorgung
▸ Delegationsreise nach Syrien in wenigen Tagen
▸ Fachkräfte (Ärzte, Ingenieure) können in Deutschland bleiben
Außenminister Johann Wadephul betonte bei einem deutsch-syrischen Wirtschaftsforum im Auswärtigen Amt, Deutschland wolle eine starke Rolle beim Wiederaufbau spielen. Rund 40 deutsche Unternehmen nahmen teil. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach von Chancen in Energie, Bauwirtschaft, Maschinenbau und Sicherheitstechnologien. Al-Scharaa nannte die Zerstörung in seinem Land nach 14 Jahren Bürgerkrieg „gigantisch“, warb aber zugleich für Syrien als „sichere Investitionschance“ (ZDF).
Wer ist Ahmed al-Scharaa?
Um zu verstehen warum dieser Besuch so umstritten ist, muss man den Lebenslauf des 43-Jährigen kennen. Ahmed al-Scharaa, lange bekannt unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Julani, wurde 1982 in Riad geboren und wuchs in Damaskus auf. Anfang der 2000er schloss er sich al-Qaida im Irak an und kämpfte gegen US-Truppen. Von 2006 bis 2011 saß er in amerikanischer Gefangenschaft.
Nach seiner Freilassung erhielt er von al-Qaida-Chef al-Zawahiri den Auftrag und 50.000 Dollar vom späteren IS-Führer al-Baghdadi, um eine al-Qaida-Filiale in Syrien aufzubauen. 2012 gründete er die al-Nusra-Front, die schnell zur schlagkräftigsten islamistischen Miliz im syrischen Bürgerkrieg wurde (Wikipedia).
Al-Scharaa: Vom Dschihadisten zum Staatsgast
2003 – Schließt sich al-Qaida im Irak an
2006-2011 – In US-Gefangenschaft
2012 – Gründet die al-Nusra-Front mit al-Qaida-Geldern
2016 – Bricht öffentlich mit al-Qaida
2017 – Gründet Hayat Tahrir al-Sham (HTS)
Nov 2024 – HTS-Offensive stürzt Assad in zwei Wochen
Jan 2025 – Wird syrischer Übergangspräsident
Jul 2025 – USA heben Terrorbezeichnung für HTS auf
Feb 2026 – UN streichen HTS von Terrorliste
Mär 2026 – Staatsbesuche in Paris, Washington, Berlin
Was nach dem Bruch mit al-Qaida folgte, ist die Geschichte einer bemerkenswerten Transformation. 2017 fusionierte al-Scharaa mehrere Milizen zu Hayat Tahrir al-Sham (HTS). In der Provinz Idlib baute HTS eine eigene Verwaltung auf: Steuersystem, Schulen, Gerichte. Ende November 2024 startete HTS eine Offensive die das Assad-Regime in nur zwei Wochen zum Einsturz brachte. Im Januar 2025 wurde al-Scharaa Übergangspräsident.
Seitdem hat er den Tarnanzug gegen Anzug und Krawatte getauscht. Die USA hoben im Juli 2025 die Terrorbezeichnung auf, Großbritannien folgte im Oktober, die UN im Februar 2026. Al-Scharaa wurde von Macron in Paris empfangen, von Trump im Weißen Haus, und war der erste syrische Präsident überhaupt der von einem US-Präsidenten empfangen wurde.
Was auf dem Boden passiert
Während in Berlin Hände geschüttelt werden, sieht die Realität in Syrien anders aus. In der Provinz Latakia wurden seit der Machtübernahme Hunderte Alawiten getötet. Im Sommer 2025 gab es in Suweida heftige Gefechte zwischen Drusen und sunnitischen Beduinen mit tausenden Toten. Erst vergangenes Wochenende überfielen bewaffnete Islamisten christliche Geschäfte in Suqaylabiyah in der Provinz Hama und versuchten Häuser in Brand zu setzen.
Al-Scharaa gehört vor ein Gericht und nicht ins Kanzleramt.
Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland (t-online)
Die Kurdische Gemeinde Deutschland wirft al-Scharaa Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Im Norden und Nordosten des Landes haben syrische Regierungstruppen kurdische Kämpfer aus mehreren Gebieten vertrieben. Die Linken-Abgeordnete Cansu Özdemir nennt das Treffen einen „moralischen Bankrott“: Merz normalisiere Islamisten, die ethnische und religiöse Minderheiten massakrierten.
In Berlin demonstrierten heute tausende Menschen sowohl für als auch gegen den syrischen Präsidenten. Im Ritz-Carlton, wo al-Scharaa übernachtete, soll er laut Bild am Vorabend von Vertretern der syrischen Gemeinde bejubelt worden sein.
Das Kalkül dahinter
Die Bundesregierung macht keinen Hehl daraus was sie will: Rückführungen beschleunigen. Die Rückführung syrischer Geflüchteter steht im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Auch Innenminister Alexander Dobrindt traf al-Scharaa, „vorrangig von Straftätern“ solle abgeschoben werden. Al-Scharaa braucht Geld und internationale Anerkennung, Merz braucht Ergebnisse. Der Deal ist simpel: Deutschland investiert, Syrien nimmt Menschen zurück.
Al-Scharaa formulierte es diplomatischer: Syrische Geflüchtete könnten „Brückenbauer“ sein. Wer zurückkehren wolle, könne das tun. Merz betonte, Fachkräfte wie Ärzte und Ingenieure könnten bleiben. Den Rest formulierte er härter: Wer die „Gastfreundschaft missbraucht“ und sich nicht an deutsche Gesetze hält, werde Deutschland verlassen.
Die Zivilgesellschaft fordert klare Bedingungen. Sophie Bischoff von der deutsch-syrischen Organisation Adopt a Revolution sagt, der Dialog sei „grundsätzlich richtig“, aber Unterstützung müsse an den Schutz aller gesellschaftlichen Gruppen geknüpft sein. Deutschland müsse demokratische Institutionen einfordern und die syrische Zivilgesellschaft als Partner anerkennen, „und nicht nur als Dekoration“.
Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben.
Außenminister Johann Wadephul bei seinem Besuch in Syrien, Herbst 2025 (ZDF)
Einordnung
Es gibt gute Gründe, mit al-Scharaa zu reden. Syrien ist nach 14 Jahren Bürgerkrieg und geschätzten 500.000 Toten ein zerstörtes Land. Der Wiederaufbau braucht internationale Unterstützung, und ein stabiles Syrien liegt im Interesse Europas. Al-Scharaa hat Sanktionen abbauen lassen, eine Verwaltung aufgebaut und sich international geöffnet. Das kann man als pragmatische Entwicklung sehen.
Aber die Geschwindigkeit, mit der ein ehemaliger al-Qaida-Kommandeur zum Staatsbesuch im Kanzleramt empfangen wird, sollte niemanden gleichgültig lassen. Nicht weil Dialog falsch wäre, sondern weil die Bedingungen stimmen müssen. 80 Prozent der Syrer in Deutschland zur Rückkehr zu bewegen ist ein ambitioniertes Ziel. Wenn diese Rückkehr in ein Land führt, in dem Minderheiten verfolgt, Kurden vertrieben und Christen angegriffen werden, dann ist das keine Lösung, sondern eine Verlagerung des Problems.
Wadephul selbst hat im Herbst 2025 gesehen wie es in Syrien aussieht. Wenige Monate später unterschreibt seine Regierung ein Rückkehrprogramm. Die zentrale Frage ist nicht ob Deutschland mit Syrien kooperiert. Die Frage ist ob die Menschen, die zurückkehren, in Sicherheit und Würde leben können. Solange bewaffnete Gruppen Minderheiten angreifen und die Regierung das nicht verhindert, ist diese Frage nicht beantwortet.
Deutschland hat eine Verantwortung gegenüber den fast eine Million Syrern die hier Schutz gesucht haben. Diese Verantwortung endet nicht mit einer Taskforce und einem Arbeitsprogramm. Sie endet erst wenn klar ist, dass niemand in Unterdrückung zurückgeschickt wird.
Quellen
Tagesspiegel: Merz strebt Rückkehr von 80 Prozent aller Syrer an
ZDF: Syriens Präsident in Berlin: Unterstützung beim Wiederaufbau
t-online: Merz empfängt Ex-Dschihadistenführer
Euronews: Trotz Gewalt gegen Christen: Syriens Machthaber in Berlin empfangen
nd: Staatsbesuch in Berlin: Merz hofiert Al-Scharaa
Bundesregierung: Pressemitteilung zum Besuch
Britannica: Ahmed al-Sharaa Biografie
Adopt a Revolution: Zivilgesellschaft fordert Bedingungen


