04.11.2026
Aktualisiert: 13:45 Uhr
Geopolitik Analyse

Demokraten erobern den Kongress: Was die neue Mehrheit kann und was nicht

Die Demokraten haben bei den US-Midterms beide Kammern des Kongresses gewonnen. Im Senat haben sie sieben Sitze dazugewonnen und keinen verloren. Was die neue Mehrheit gegen Trump in der Hand hat, warum ein Impeachment wenig bringen würde, warum Europa nicht aufatmen sollte und welche Gruppe die Wahl gedreht hat.

Res.Publica, 4. November 2026. Stand: 4. November, Mittag. Mississippi und Alaska sind noch nicht entschieden.


Das Ergebnis

Im Senat kommen die Demokraten nach den Projektionen von AP, NBC News, CBS News und Decision Desk HQ auf 54 von 100 Sitzen, die Republikaner auf 44. Mitgezählt sind die zwei Unabhängigen, die mit den Demokraten stimmen. Vor der Wahl stand es 47 zu 53. Gewechselt sind North Carolina, South Carolina, Texas, Ohio, Kansas, Iowa und Maine, wo die langjährige Senatorin Susan Collins verloren hat. Die Republikaner haben keinen einzigen demokratischen Sitz geholt. Sieben gewonnene Sitze sind mehr als bei der letzten großen Welle gegen einen Präsidenten 2006, damals waren es sechs.

Einige Ergebnisse sind historisch. Kansas schickt zum ersten Mal seit 1932 einen Demokraten in den Senat, Texas zum ersten Mal seit 1988, South Carolina zum ersten Mal seit 1998.

Karte der Senatswahlen 2026 nach Bundesstaat

Zwei Rennen sind offen. In Mississippi lag der Demokrat Scott Colom am frühen Morgen mit 43 Stimmen vor Senatorin Cindy Hyde-Smith, bei rund 96 Prozent ausgezählten Stimmen. Tausende vorläufige Stimmzettel fehlen noch, ihre Prüfung kann bis zu fünf Werktage dauern. In Alaska liegt der Republikaner Dan Sullivan knapp vor Mary Peltola. Dort wird erst ab dem 18. November per Ranked Choice ausgezählt.

Das Repräsentantenhaus hat AP in der Nacht gegen 1:30 Uhr Ostküstenzeit ebenfalls den Demokraten zugesprochen. Wie groß die Mehrheit wird, ist noch offen. Hakeem Jeffries dürfte Sprecher werden, als erster Schwarzer in diesem Amt.

Was die neue Mehrheit kann und was nicht

Der neue Kongress tritt am 3. Januar 2027 zusammen. Ab dann gilt:

Impeachment ist möglich, eine Absetzung praktisch nicht. Im Repräsentantenhaus reicht die einfache Mehrheit, um ein Amtsenthebungsverfahren zu eröffnen. Verurteilen muss aber der Senat, mit zwei Dritteln, also 67 Stimmen. Den Demokraten fehlen dafür mindestens elf Republikaner. Trump hat das kommen sehen. Im Januar sagte er vor republikanischen Abgeordneten: „Sie werden einen Grund finden, mich zu impeachen.“ Die Parteispitze der Demokraten hat sich bisher nicht festgelegt. Sie kennt die Rechnung: Trump wurde 2019 und 2021 angeklagt und beide Male freigesprochen. Ein drittes Verfahren ohne Aussicht auf Absetzung könnte ihm eher nützen als schaden.

Die eigentliche Waffe sind Vorladungen. Wer die Mehrheit hat, führt die Ausschüsse und kann Dokumente anfordern und Zeugen vorladen. Robert Garcia, der künftige Vorsitzende des Kontrollausschusses im Haus, schrieb in der Wahlnacht nur „LAWYER UP“. Senator Ron Wyden schrieb „Subpoenas“. Als Ziele gelten die Krypto-Geschäfte der Familie Trump, Regierungsaufträge an Unternehmen von Elon Musk, der Iran-Krieg und die Epstein-Akten. Der Haken: Die Regierung kann Vorladungen ignorieren. Dann müssen Gerichte entscheiden, und das kann bis zur Präsidentschaftswahl 2028 dauern.

Ohne Kongress gibt es keinen Haushalt. Die Demokraten können Geld an Bedingungen knüpfen, etwa für den Iran-Krieg, und Shutdowns in Kauf nehmen. Diese Macht ist aber schwächer, als sie auf dem Papier aussieht. Das Weiße Haus hat bewilligtes Geld schon verfallen lassen, statt es auszugeben.

Der Senat entscheidet über Personal. Minister, Botschafter und Bundesrichter brauchen seine Zustimmung, auch ein neuer Richter am Supreme Court. Hier haben die Demokraten ab Januar ein echtes Veto.

Neue Gesetze wird es kaum geben. Trump hat vor der Wahl angekündigt: „I’ll veto everything.“ Für ein Überstimmen seines Vetos braucht es zwei Drittel in beiden Kammern. Am Tag nach der Wahl klang er versöhnlicher: Die Demokraten hätten einen „guten Job“ gemacht, er sehe Möglichkeiten zur Zusammenarbeit, etwa bei der Migration.

Die gefährlichsten zwei Monate

Bis zum 3. Januar haben die Republikaner noch beide Kammern. Diese Übergangszeit heißt in den USA „Lame Duck“, und sie ist jetzt die spannendste Phase. Schon Mitte Oktober berichtete Punchbowl News, dass die Republikaner im Senat im November und Dezember so viele Bundesrichter wie möglich bestätigen wollen, falls sie die Mehrheit verlieren.

Die große Frage: Tritt einer der beiden ältesten konservativen Richter am Supreme Court jetzt zurück, Clarence Thomas (78) oder Samuel Alito (76)? Dann könnte noch der republikanische Senat die Nachfolge bestätigen. Dass das in wenigen Wochen geht, hat 2020 Amy Coney Barrett gezeigt. Der Jurist Dale Carpenter hält einen Rücktritt trotzdem für unwahrscheinlich, weil er direkt nach einer Wahlniederlage wie reine Parteipolitik aussähe. Ausgeschlossen ist er nicht.

Auch beim Iran-Krieg, der seit Februar läuft, haben die Demokraten versprochen, ihn zu beenden. Bis Januar können sie aber nichts erzwingen.

Warum Europa nicht aufatmen sollte

In Europa wird das Ergebnis als Dämpfer für Trump gelesen. Für die EU und Deutschland ändert sich trotzdem wenig, möglicherweise wird es sogar schwieriger.

Bei den Zöllen braucht Trump den Kongress nicht. Nachdem der Supreme Court im Februar seine Notstandszölle gekippt hatte, laufen sie laut Euronews über Section 301 des Handelsgesetzes, ohne Abstimmung im Kongress. Der Graham Act vom September gibt dem Weißen Haus zusätzliche Zollmacht gegen Länder, die weiter russisches Öl kaufen. Bernd Lange (SPD), Vorsitzender des Handelsausschusses im EU-Parlament, warnt: „Aus einer Lame Duck kann eine Angry Duck werden.“ Ein Präsident, der im Inland blockiert ist, sucht seine Erfolge eher dort, wo er allein entscheidet, also in Handel und Außenpolitik.

Bei der Ukraine sieht es ähnlich aus. Der Kongress kann neues Geld bewilligen, viele Demokraten wollen das. Das Weiße Haus hat aber schon bewilligte Mittel verfallen lassen. Joan Lee vom European Council on Foreign Relations rät Europa deshalb: „Treat earmarked funds as intent, not commitment.“ Bewilligtes Geld ist eine Absicht, keine Zusage.

Die Märkte haben verhalten reagiert. Der Euro stieg am Mittwochmorgen um 0,4 Prozent, Gold um 2 Prozent, die Futures auf den DAX lagen rund 0,5 Prozent im Minus.

Wer die Wahl gedreht hat

Laut den frühen Exit Polls von CBS News lag Trumps Zustimmung bei 38 Prozent. Laut CBS ist das der niedrigste Wert eines Präsidenten bei einer Midterm-Wahl, niedriger als bei George W. Bush 2006 und niedriger als in Trumps erster Amtszeit. In der AP Voter Poll mit rund 80.000 Befragten nannten etwa vier von zehn Wählern die Wirtschaft als wichtigstes Thema, etwa drei von zehn den Zustand der Demokratie. Rund die Hälfte nannte Lebenshaltungskosten und Korruption als entscheidend.

Am deutlichsten ist der Wechsel bei den Jungen. Laut AP haben etwa sieben von zehn Wählern unter 30 demokratisch gewählt, 2024 waren die Jüngsten noch ungefähr gespalten. Die vorläufigen Daten von CIRCLE an der Tufts University zeigen, dass genau die Gruppen umgeschwenkt sind, die 2024 als Trumps neue Basis galten: Junge Männer wählten zu 63 Prozent demokratisch, 2024 hatten 56 Prozent von ihnen Trump gewählt. Junge Menschen auf dem Land wählten zu 57 Prozent demokratisch, 2024 zu 60 Prozent Trump.

Junge Wähler 2024 und 2026

Ganz sauber ist der Vergleich nicht: 2024 war eine Präsidentschaftswahl, 2026 geht es um das Repräsentantenhaus, und die Daten von 2026 sind vorläufig. Die Erzählung von der Generation Z, die geschlossen nach rechts driftet, hält diese Wahl aber nicht aus.

Ähnlich bei Latinos: Laut AP wählten etwa sechs von zehn demokratisch und nur rund ein Drittel republikanisch. 2024 hatten noch etwa vier von zehn Trump gewählt.

Drei Dinge, die man leicht übersieht

Der Zuschnitt der Wahlkreise ging nach hinten los. Texas hat 2025 seine Wahlkreise neu zugeschnitten, um bis zu fünf zusätzliche Sitze zu gewinnen. Laut Texas Tribune ging in der Wahlnacht keiner dieser Zielbezirke sicher an die Republikaner, der 15. Bezirk im Rio Grande Valley wechselte sogar zu den Demokraten. In Florida, wo die Republikaner bis zu vier Sitze dazugewinnen wollten, hielten die Demokraten mehrere eigens neu zugeschnittene Bezirke. Der Effekt ist bekannt: Wer möglichst viele knappe eigene Mehrheiten schafft, verliert in einer Welle umso mehr davon.

Geld allein entscheidet keine Wahl. Mit 11,9 Milliarden Dollar war es laut OpenSecrets die teuerste Midterm-Wahl bisher. Externe Gruppen, angeführt von Elon Musk, gaben unterm Strich rund 360 Millionen Dollar mehr für die Republikaner aus. Aus den eigenen Wahlkampfkassen gaben die demokratischen Kandidaten dagegen rund 800 Millionen Dollar mehr aus. James Talarico in Texas sammelte 145 Millionen Dollar, sein Gegner Ken Paxton 22 Millionen.

Der zweite Dan Sullivan. In Alaska stand neben Senator Dan Sullivan ein zweiter Daniel J. Sullivan auf dem Stimmzettel, ein pensionierter Lehrer ohne Parteiangabe. Laut einem Bericht der New York Times sollen Leute aus dem Umfeld der Demokraten ihn angeworben haben, um Stimmen abzuziehen. Dazu laufen Ermittlungen, bewiesen ist nichts. Eine Klage des Justizministeriums gegen die Auszählung hat ein Bundesgericht am Sonntag abgewiesen. Der Namensvetter holte in der Wahlnacht 1,7 Prozent, mehr als der Abstand zwischen den beiden Favoriten. Weil Alaska per Ranked Choice wählt, wandern seine Stimmen aber an die zweite Wahl auf dem Zettel. Wer dort den echten Sullivan angekreuzt hat, verliert nichts. Entscheidend wird nur, wie viele seiner Wähler gar keine zweite Wahl angegeben haben.

Was jetzt kommt

In den nächsten Tagen entscheiden sich Mississippi und, ab dem 18. November, Alaska. Danach geht es um die Lame Duck: Richter, Iran-Krieg und Haushalt. Ab dem 3. Januar folgen die ersten Vorladungen. Und die Demokraten müssen klären, wer sie in die Präsidentschaftswahl 2028 führt. Gesichter wie Talarico, Andrews und Cooper haben sich gerade empfohlen. Trump selbst darf nicht noch einmal antreten.

Quellen

  • CBS News, Demokraten gewinnen den Senat: https://www.cbsnews.com/news/senate-control-democrats-republicans-2026-midterm-elections/
  • PBS NewsHour / AP, Senatsergebnisse: https://www.pbs.org/newshour/politics/democrats-take-control-of-the-senate-after-winning-key-midterm-races
  • Boston Globe, Überblick und Zeitpunkte der Projektionen: https://www.bostonglobe.com/2026/11/04/nation/midterm-elections-results-blue-wave/
  • CBS News, Maine: https://www.cbsnews.com/news/maine-2026-senate-collins-jackson/
  • OPB / AP, South Carolina: https://www.opb.org/article/2026/11/03/democrat-annie-andrews-wins-us-senate-election-in-south-carolina-over-republican-darline-graham/
  • KBTX, Mississippi (43 Stimmen, Stand 3 Uhr): https://www.kbtx.com/2026/11/04/colom-hyde-smith-separated-by-narrow-margin-mississippi-senate-race/
  • Magnolia Tribune, Mississippi, vorläufige Stimmzettel: https://magnoliatribune.com/2026/11/04/too-close-to-call/
  • Alaska Public Media, Alaska: https://alaskapublic.org/news/politics/elections/2026-11-03/peltola-takes-early-lead-in-alaskas-u-s-senate-race
  • Newsweek, Alaska, Zeitplan der Auszählung: https://www.newsweek.com/democrats-congress-alaska-senate-race-12660748
  • Votebeat, der zweite Dan Sullivan und Ranked Choice: https://www.votebeat.org/national/2026/11/02/alaska-midterm-senate-sullivan-peltola-ranked-choice-voting/
  • CBS News, Repräsentantenhaus: https://www.cbsnews.com/live-updates/house-election-results-2026/
  • AFP via Yahoo, was jetzt passiert: https://www.yahoo.com/news/politics/articles/democratic-takeover-us-congress-happens-063238590.html
  • Al Jazeera, was die Mehrheit bedeutet: https://www.aljazeera.com/news/2026/11/4/democrats-win-the-us-senate-what-does-this-mean
  • Yahoo, Trump zum Impeachment (6. Januar): https://www.yahoo.com/news/articles/trump-house-republicans-dont-win-163958688.html
  • Punchbowl News, Richter in der Lame Duck: https://punchbowl.news/article/senate/republicans-judicial-nominee-backlog/
  • Reason / Volokh Conspiracy, Thomas und Alito: https://reason.com/volokh/2026/11/02/will-alito-or-thomas-retire-if-democrats-win-the-senate
  • The Parliament Magazine, Ukraine und Europa: https://www.theparliamentmagazine.eu/news/article/the-democrats-won-americas-midterms-that-wont-alter-trumps-position-on-ukraine-or-europe
  • Euronews, Märkte, Zölle und Europa: https://www.euronews.com/2026/11/04/us-midterms-what-trumps-defeat-means-for-europe-and-global-markets
  • CBS News, Exit Poll: https://www.cbsnews.com/news/cbs-news-exit-polls-midterm-elections-2026/
  • PBS NewsHour / AP Voter Poll, Wählergruppen: https://www.pbs.org/newshour/politics/ap-voter-poll-how-key-demographic-groups-voted-in-the-2026-midterms
  • CIRCLE (Tufts University), junge Wähler nach Gruppen: https://circle.tufts.edu/youth-vote-choice-demographics-2026-midterms
  • CIRCLE (Tufts University), junge Wähler gesamt: https://circle.tufts.edu/national-youth-vote-choice-2026-midterms
  • Texas Tribune, Wahlkreise in Texas: https://www.texastribune.org/2026/11/03/texas-congress-us-house-redistricting-elections-2026/
  • Mother Jones, Wahlkreise in Florida: https://www.motherjones.com/politics/2026/11/republicans-gerrymandered-these-florida-districts-democrats-won-them-anyway/
  • AFP via Yahoo, Zahlen zur Wahl (Ausgaben, historische Siege): https://www.yahoo.com/news/politics/articles/numbers-tell-story-democrats-midterm-064549091.html