14.05.2026
Aktualisiert: 14:01 Uhr
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Das kaputte Land

Eine Frage von achtzehn Minuten

Am 11. September 2024, drei Uhr morgens, fährt die letzte Straßenbahn der Linie 3 über die Carolabrücke in Dresden. Die Wagen sind leer. Achtzehn Minuten später bricht die Brücke.

Ein hundert Meter langes Teilstück des Brückenzugs C löst sich aus der Konstruktion, kippt und stürzt in die Elbe. Heißes Fernwärmewasser bricht aus den durchtrennten Leitungen, die Stadt verliert in der Nacht ihre Warmwasserversorgung. Niemand wird verletzt. Reines Glück.

Eingestürzte Carolabrücke in Dresden, Januar 2025
Der eingestürzte Brückenzug C der Carolabrücke in Dresden. Die letzte Straßenbahn hatte das Bauwerk 18 Minuten vor dem Einsturz passiert. Foto: Bybbisch94, Dresden: eingestürzte Carolabrücke, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.

Die Carolabrücke war 53 Jahre alt. Sie wurde regelmäßig nach den geltenden Normen geprüft. Sondergutachten lagen vor. Sie galt als überwacht, kontrolliert, unter Beobachtung. Und trotzdem brach sie zusammen.

Das Gutachten von Prof. Steffen Marx, Institut für Massivbau der TU Dresden, lieferte im Dezember 2024 die Erklärung. Hauptursache: wasserstoffinduzierte Spannungsrisskorrosion durch Feuchtigkeitseintrag während der Bauphase, verstärkt durch Materialermüdung. Über 68 Prozent der Spannglieder in der Fahrbahnplatte waren an der Bruchstelle stark geschädigt. Die Schäden, so Marx, entstanden bereits beim Bau der Brücke 1971. Sie waren mit den üblichen Prüfmethoden nicht zuverlässig erkennbar.

„Es gab keine hinreichenden Anzeichen, die einen Einsturz verlässlich hätten vorhersagen können.“
Prof. Steffen Marx · TU Dresden · Dezember 2024

Eine Brücke kann zusammenbrechen, ohne dass man es vorher sehen kann. Das ist der eine Befund. Der andere ist gravierender: Es gibt in Deutschland tausende solcher Brücken aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Und keiner weiß genau, welche als nächste fällt.

Die Bilanz des Verfalls

Was in Dresden in dieser Nacht knapp glimpflich endete, ist anderswo längst Alltag.

Im Dezember 2021 musste die Talbrücke Rahmede an der A45 bei Lüdenscheid dauerhaft gesperrt werden. Risse im Tragwerk, irreparabel. Die Brücke verband das Sauerland mit dem Ruhrgebiet und mit Frankfurt, sie war Teil der wichtigsten Nord-Süd-Achse für Schwerverkehr in Deutschland. Bis zur kontrollierten Sprengung am 7. Mai 2023 wurde Lüdenscheid zum Symbol der maroden deutschen Verkehrsinfrastruktur. Lkws fuhren durch die Innenstadt, Anwohner protestierten, der nordrhein-westfälische Landtag setzte einen Untersuchungsausschuss ein. Sein Titel sagt alles: „Brückendesaster und Infrastrukturstau“.

Sprengung der Talbrücke Rahmede, 7. Mai 2023
Die A45-Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid wurde am 7. Mai 2023 kontrolliert gesprengt. Bereits 2011 hatte eine Hauptprüfung den Zustand als „nicht ausreichend“ eingestuft. Foto: Autobahn GmbH.

Bemerkenswert ist nicht der Einsturz, sondern die Zeitlinie. Bereits 2011 wurde bei einer Brückenhauptprüfung der Zustand als „nicht ausreichend“ eingestuft. Es dauerte zehn Jahre, bis die Sperrung kam. Zehn Jahre, in denen Lkw-Verkehr und Witterung weiter an einem Bauwerk arbeiteten, das die Verantwortlichen längst als bedenklich kannten.

Die Rahmede ist kein Einzelfall, sondern Bauteil eines Systems. Eine Untersuchung des BUND aus dem Juni 2024 wertete die offiziellen Daten des Bundesverkehrsministeriums aus und kam zu einem ernüchternden Befund: Von den 27.915 Teilbauwerken im Autobahnnetz und 24.471 Teilbauwerken an Bundesstraßen sind insgesamt rund 16.000 Brücken in einem Zustand, der eine Sanierung oder einen Ersatzneubau erfordert. Das offizielle Modernisierungsprogramm des Bundes umfasst gerade einmal 5.000 Teilbauwerke an Autobahnbrücken bis 2032.

Der Bundesrechnungshof hat im April 2025 in einem Sonderbericht die Bilanz der ersten Jahre dieses Programms gezogen. Sie ist desaströs. Von den für 2024 geplanten 280 Brückenmodernisierungen wurden 69 umgesetzt. Insgesamt liegt das Programm bei 40 Prozent seines Soll-Wertes. Um es bis 2032 abzuschließen, müsste die Autobahn GmbH ab sofort 590 Brücken pro Jahr modernisieren, fast das Neunfache der aktuellen Leistung. Bundesrechnungshof-Präsident Kay Scheller wählte ungewöhnlich harte Worte: Die Evaluierung des Verkehrsministeriums sei in „wesentlichen Punkten irreführend und beschönigend“.

Auch die Schiene zerfällt

Wer in Deutschland Bahn fährt, kennt das Bild: gesperrte Strecken, ausgefallene Züge, ICE-Pünktlichkeitsquoten, die zeitweise unter 60 Prozent fallen. Das ist nicht das Ergebnis schlechter Planung, sondern Folge einer Infrastruktur, die seit Jahrzehnten unter ihrer Belastung wegbricht.

Die Deutsche Bahn beziffert ihren eigenen Sanierungsstau auf rund 130 Milliarden Euro. Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der Infrastruktur-Tochter DB InfraGo, erklärte gegenüber dem österreichischen Magazin Profil Anfang dieses Jahres: Um den Sanierungsrückstand auch nur zu stabilisieren, also nicht weiter wachsen zu lassen, wären jährliche Investitionen von 20 Milliarden Euro nötig. Erreicht wurden 2025 etwa 19 Milliarden. Es reicht nicht einmal, um den Verfall zu bremsen.

Gesperrter Bahnübergang in Biblis
Die Generalsanierung des Hochleistungsnetzes sollte ursprünglich bis 2031 abgeschlossen sein. Im Sommer 2025 verlängerte die DB den Zeitplan auf 2036. Foto: Bigbug21, Gesperrter Bahnübergang in Biblis, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.

Die Generalsanierung des Hochleistungsnetzes, mit der die Bahn ihre wichtigsten Korridore in jeweils mehrmonatigen Vollsperrungen erneuert, sollte ursprünglich bis 2031 abgeschlossen sein. Im Sommer 2025 hat die DB den Zeitplan auf 2036 verlängert. Die Riedbahn zwischen Mannheim und Frankfurt war der Pilot. Die nächsten Strecken folgen schrittweise. Bis dahin gilt: Wer in Deutschland mit der Bahn fahren will, muss Geduld mitbringen – und Zeitpuffer.

Was eine Schule kostet

Der größte Einzelposten im Verfall sind nicht die Brücken und nicht die Bahn, sondern die Schulen.

Das KfW-Kommunalpanel 2025, eine seit 2009 jährlich vom Deutschen Institut für Urbanistik durchgeführte Befragung der Kämmereien, hat im Juli 2025 einen Rekordwert gemeldet: Der wahrgenommene Investitionsrückstand der deutschen Kommunen ist auf 215,7 Milliarden Euro gestiegen. Das sind 29,6 Milliarden mehr als im Vorjahr – ein Sprung von 15,9 Prozent in zwölf Monaten.

Davon entfallen 67,8 Milliarden Euro auf Schulgebäude. Das ist fast ein Drittel des gesamten Rückstands. Bei den Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern sehen 90 Prozent der Befragten einen nennenswerten oder gravierenden Sanierungsrückstand bei den Schulen.

Dülmen, Pestalozzi-Schule
Schimmel, undichte Fenster, kaputte Heizungen: 90 Prozent der größeren Kommunen melden einen nennenswerten oder gravierenden Sanierungsrückstand bei Schulgebäuden. Foto: Dietmar Rabich, Dülmen, Pestalozzi-Schule, CC BY-SA 4.0.

Hintergrund ist nicht nur jahrzehntelange Vernachlässigung, sondern auch ein konkreter politischer Druck: Ab August 2026 gilt der gesetzliche Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter. Vielen Kommunen wird gerade erst klar, was das räumlich bedeutet. Mensen, Aufenthaltsräume, Sanitäranlagen – vielerorts schlicht nicht vorhanden.

Die Difu-Forscher haben einen weiteren Befund dokumentiert: 19 Prozent aller Kommunen geben an, den Unterhalt ihrer Infrastruktur „nur in geringem Umfang oder gar nicht mehr“ gewährleisten zu können. Beim Straßenbau liegt dieser Anteil bei 32 Prozent. Mit anderen Worten: Ein Drittel der deutschen Kommunen kann seine Straßen nicht mehr in Ordnung halten. Das ist keine Sparpolitik mehr. Das ist Substanzverzehr.

Wie es so weit kam

Wer verstehen will, wie Deutschland an diesen Punkt kam, muss zwei Daten nebeneinanderlegen. 2009: Die Schuldenbremse wird ins Grundgesetz aufgenommen. 2014: Wolfgang Schäuble verkündet die schwarze Null, den ersten ausgeglichenen Bundeshaushalt seit 1969.

Beides wurde als Erfolg gefeiert. Schäuble selbst sprach von einem „historischen Erfolg“, die CDU titelte: „Endlich ist Schluss damit, über die eigenen Verhältnisse und auf Pump zu leben.“ Schon damals warnten andere Stimmen. Der Deutschlandfunk fragte 2015: Was nützt die schwarze Null, wenn Lkws nicht mehr über Autobahnbrücken fahren können und in Schulen der Putz von den Wänden bröckelt? Die Frage blieb unbeantwortet. Das Modell schwarze Null setzte sich durch, bis zum Beginn der Pandemie, der Energiekrise und schließlich des Ukrainekriegs.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hat die Bilanz dieser Periode bereits 2023 gezogen: Der deutsche Staat lebe seit zwanzig Jahren mit negativen Nettoinvestitionen von seiner Substanz. Die Schuldenbremse, schreibt Fratzscher, sei nicht klug, und sie habe nicht zu einer soliden Finanzpolitik geführt. Was sie hervorgebracht habe, sei eine Politik, in der Schattenhaushalte den Bundeshaushalt umgehen und Zukunftsinvestitionen unterbleiben.

„Der deutsche Staat lebt seit zwanzig Jahren mit seinen negativen Nettoinvestitionen von seiner Substanz.“
Marcel Fratzscher · DIW-Präsident · Oktober 2023

Das ist die strukturelle Diagnose. Sie ist parteienübergreifend gültig. Die Große Koalition unter Merkel hat zu wenig investiert. Die Ampel hat zu wenig investiert, bis das Bundesverfassungsgericht im November 2023 den Trick mit dem Klima- und Transformationsfonds kippte. Die jetzige Koalition unter Merz hat das Problem zumindest erkannt, und einen Lösungsversuch gestartet, der seit März dieses Jahres als Skandal gilt.

500 Milliarden Euro, die nicht ankommen

Im März 2025 beschloss der Bundestag mit einer Grundgesetzänderung das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität: 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre. 100 Milliarden gehen an Länder und Kommunen, 100 Milliarden in den Klima- und Transformationsfonds, der Rest verbleibt auf Bundesebene. Die Bundesregierung sprach vom größten Investitionspaket in der Geschichte der Bundesrepublik. Auf dem Papier eine Zeitenwende.

Sechs Monate später beginnt die Ernüchterung. Im März 2026, ein Jahr nach dem Beschluss, veröffentlicht das ifo-Institut die erste umfassende Analyse zum Mittelabfluss. Der Befund ist verheerend.

Von den 24,3 Milliarden Euro, die der Bund 2025 im Rahmen des Sondervermögens als zusätzliche Schulden aufgenommen hat, flossen lediglich 1,3 Milliarden Euro in zusätzliche Investitionen. Die übrigen 95 Prozent – rund 23 Milliarden Euro – wurden zweckentfremdet. ifo-Präsident Clemens Fuest formulierte es so: Die Politik habe die schuldenfinanzierten Mittel nahezu vollständig genutzt, um Haushaltslöcher zu stopfen.

Von 24,3 Mrd. Euro neuer Schulden für „zusätzliche Investitionen“ flossen nur 1,3 Mrd. tatsächlich in neue Projekte. Der Rest stopfte Haushaltslöcher. Eigene Visualisierung auf Basis von Daten des ifo Instituts, März 2026.

Der Mechanismus ist simpel und durchschaubar. Posten, die bisher im Kernhaushalt finanziert wurden, werden ins Sondervermögen verschoben. Im Kernhaushalt entstehen Lücken, die mit anderen Ausgaben gefüllt werden. Am Ende stehen mehr Schulden, aber nicht mehr Investitionen. Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, brachte es auf den Punkt: „Wer Sonderschulden aufnimmt, aber gleichzeitig den Kernhaushalt zurückfährt, betreibt keine Infrastrukturpolitik, sondern Haushaltskosmetik.“

„Wer Sonderschulden aufnimmt, aber gleichzeitig den Kernhaushalt zurückfährt, betreibt keine Infrastrukturpolitik, sondern Haushaltskosmetik.“
Felix Pakleppa · Zentralverband Deutsches Baugewerbe · März 2026

Auch die Bundesbank hatte bereits im August 2025 vor genau diesem Mechanismus gewarnt. Ihre Mahnung verhallte. Der Bundesrechnungshof, der ohnehin bereits zur Brückenmodernisierung scharfe Kritik geübt hatte, sieht in dem Sondervermögen kein strukturelles Lösungsinstrument, sondern eine Erweiterung des Schuldenrahmens ohne erkennbare Investitionswirkung.

Hinzu kommt ein zweites strukturelles Problem, das Geld nicht heilen kann. Auch dort, wo Mittel zur Verfügung stehen, kommen sie nicht an.

Das Problem hinter dem Geld

Die Kommunen planten 2024 Investitionen in Höhe von 47 Milliarden Euro. Tatsächlich verausgabt wurden 30 Milliarden. Eine Lücke von 17 Milliarden Euro, in einem einzigen Jahr, in einem Land, das händeringend Schulen, Brücken und Bahnstrecken sanieren muss.

Christian Raffer, Difu-Projektleiter und Mitautor des KfW-Kommunalpanels, erklärt diese Differenz so: Sie sei nicht primär ein Finanzproblem. Sie sei ein Problem von Personalmangel in den Bauämtern, komplexen Dokumentationspflichten und langwierigen Genehmigungsverfahren.

Das ist die zweite Ebene des Problems. Selbst wenn Geld da ist, fehlt die Verwaltung, die es ausgeben kann. In vielen Mittelstädten arbeiten heute weniger Bauamts-Mitarbeiter als vor zwanzig Jahren. Wer eine Brücke saniert haben will, braucht Ausschreibungsverfahren, Umweltprüfungen, Förderanträge, Verwendungsnachweise. Jedes dieser Verfahren ist über Jahre zu komplexen Bürokratiemonstern angewachsen. Die Folge: Selbst Bürgermeister, die wollen, können nicht mehr.

Das KfW-Kommunalpanel 2025 hat diesen Punkt erstmals systematisch untersucht. 96 Prozent der Kommunen nutzen Fördermittel. 77 Prozent fordern eine Vereinfachung der Verfahren. 72 Prozent wünschen sich besseres Informationsangebot zu den Programmen. Die Botschaft an Berlin ist eindeutig: Schickt nicht mehr Geld, schickt einfachere Regeln.

Was zu tun wäre

Die Diagnose liegt vor. Die Lösungen sind bekannt. Sie liegen seit Jahren in den Schubladen der Wirtschaftsforschungsinstitute, der Sachverständigen und des Bundesrechnungshofs. Der politische Wille zu ihrer Umsetzung war bislang das Problem.

Erstens: eine Goldene Regel der Finanzpolitik. Öffentliche Investitionen werden von der Schuldenbremse ausgenommen. Das DIW hat dazu im Januar 2025 einen ausgearbeiteten Vorschlag vorgelegt: Eine generationengerechte Schuldenregel, die Investitionen schützt, ohne den Konsum zu finanzieren. Auch das ifo-Institut, der Sachverständigenrat und Ökonomen aus dem konservativen Lager wie Lars Feld haben sich in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Varianten dafür ausgesprochen. Die wissenschaftliche Mehrheit existiert. Was fehlt, ist die politische Mehrheit im Bundestag.

Zweitens: eine Zusätzlichkeitsklausel im Sondervermögen. Fratzscher hat sie bereits vor dem Beschluss im März 2025 gefordert. Sein Vorschlag: Das Sondervermögen darf ausschließlich für zusätzliche Investitionen verwendet werden. Der Anteil der öffentlichen Investitionen am Bundeshaushalt darf in keinem Jahr sinken. Der Vorschlag wurde nicht aufgenommen. Genau deshalb läuft jetzt der Verschiebebahnhof. Die Klausel könnte nachträglich ins Gesetz aufgenommen werden – politisch unangenehm, technisch trivial.

Drittens: Personal und Bürokratierückbau in den Bauämtern. Wenn 17 Milliarden Euro pro Jahr nicht abfließen, weil Verwaltungen überlastet sind, ist das in erster Linie ein Personalproblem. Eine Aufstockung der kommunalen Bauämter, kombiniert mit einer drastischen Vereinfachung der Förderverfahren, diesen Weg fordern KfW und Difu seit Jahren. Das Modell des LNG-Beschleunigungsgesetzes, mit dem Deutschland 2022 binnen Monaten Flüssiggasterminals genehmigt und gebaut hat, zeigt, was möglich ist, wenn der politische Wille da ist. Es müsste auf Brücken, Schulen und Bahnstrecken übertragen werden.

Viertens: Vorrang für Erhalt vor Neubau. Der Bundesrechnungshof hat in seinem Sonderbericht eine klare Empfehlung gegeben: Neu- und Ausbauprojekte müssen zugunsten der Brückenmodernisierung zurückgestellt werden. Solange die Autobahn GmbH nicht genug Personal hat, um beides zu leisten, muss die Erhaltung Vorrang haben. Eine Botschaft, die in der politischen Debatte um den Ausbau von Autobahnen bislang systematisch ignoriert wird.

Fünftens: ein kommunaler Altschuldenfonds. Viele der ärmsten Kommunen können ihre Pflichtaufgaben nicht mehr finanzieren, weil sie unter Altschulden ersticken. Der Vorschlag eines Bundes-Altschuldenfonds, der diese Lasten übernimmt und die Kommunen handlungsfähig macht, lag bereits unter der Ampel auf dem Tisch. Er scheiterte am Streit zwischen den Bundesländern. Er müsste neu verhandelt werden.

Warum es trotzdem nicht passiert

Diese Vorschläge sind nicht radikal. Sie sind überwiegend ökonomischer Mainstream. Und doch passiert in diese Richtung wenig.

Der Grund liegt in einer politischen Kultur, die sich nicht mit der ökonomischen Lage entwickelt hat. Schuldenbremse und schwarze Null sind in Deutschland Identitätssymbole. Sie stehen, vor allem im Selbstverständnis der Union, für Solidität, für Generationengerechtigkeit, für deutsche Verlässlichkeit. Die ökonomische Realität – dass das Land genau durch diese Politik den Wohlstand künftiger Generationen aufzehrt – hat sich gegen dieses Symbol nicht durchgesetzt.

Hinzu kommt der Föderalismus. Bund, Länder und Kommunen tragen je eigene Lasten. Schulen sind kommunal, Bahn ist Bundessache, Autobahnen werden über die Autobahn GmbH des Bundes verwaltet, aber Bundesstraßen liegen in Länderverantwortung. Wer in einer Brücke stirbt, hat das Pech, dass niemand allein zuständig ist. Das macht jede Reform langsam und vielen Beteiligten Bauchschmerzen.

Und schließlich gibt es das demografische Problem. Bauingenieure fehlen, Handwerker fehlen, Planungspersonal fehlt. Selbst bei perfekter Politik wäre der Engpass nicht über Nacht zu beheben. Aber Politik kann den Pfad festlegen. Sie kann Studienplätze ausbauen, sie kann Tarife in der Bauwirtschaft attraktiver machen, sie kann Verwaltungslaufbahnen reformieren. Sie tut all das nicht.

Die nächste Brücke

Am 11. September 2024, drei Uhr morgens, hatte Dresden Glück. Achtzehn Minuten früher wären Menschen gestorben. Diese achtzehn Minuten sind die einzige gute Nachricht in einer Geschichte, die ansonsten nichts Gutes hergibt.

Die Carolabrücke war 53 Jahre alt. Tausende deutsche Brücken sind älter. Tausende deutsche Schulen sind älter. Das Schienennetz in seiner heutigen Form stammt aus den siebziger Jahren. Was Deutschland in den nächsten zehn, zwanzig Jahren erleben wird, wird die Bilanz einer politischen Kultur sein, die zu lange gespart und zu wenig gebaut hat.

Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein. Es gibt keinen Grund, die Hoffnung aufzugeben. Die Lösungen liegen vor. Sie sind benannt, sie sind durchgerechnet, sie sind politisch umsetzbar. Was fehlt, ist die Bereitschaft, sich von einer Erzählung zu trennen, in der Sparen immer gut und Schulden immer schlecht sind. Diese Erzählung hat das Land in seinen heutigen Zustand gebracht. Sie wird es nicht herausführen.

Die nächste Brücke wartet bereits.