21.04.2026
Aktualisiert: 12:38 Uhr
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Industriestrompreis: Was steckt dahinter?


Analyse · Energiepolitik · 20.04.2026

Die EU hat am 16. April den deutschen Industriestrompreis genehmigt. Drei Milliarden achthundert Millionen Euro Subvention für rund 2.200 Konzerne, bezahlt aus dem Klima- und Transformationsfonds. Privathaushalte zahlen weiter 37 Cent die Kilowattstunde. Eine Einordnung zur politischen Ökonomie einer sehr teuren Entscheidung.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stand am 16. April mittags vor den Kameras und nannte es einen „großen Erfolg“. Brüssel hatte wenige Stunden zuvor die deutsche Beihilferichtlinie genehmigt, Aktenzeichen SA.120495. Damit wird für die Jahre 2026 bis 2028 ein Instrument eingeführt, das in Deutschland seit mehr als zwei Jahren unter wechselnden Namen diskutiert wird: Industriestrompreis, Brückenstrompreis, schließlich das nüchterne „Entlastungsinstrument für die energieintensive Industrie“. Das Ziel ist immer dasselbe geblieben. Ein Teil des Strompreises, den bestimmte Unternehmen am Großhandelsmarkt zahlen, wird vom Staat übernommen. Der Zielpreis liegt bei fünf Cent pro Kilowattstunde.

Das Volumen: 3,8 Milliarden Euro für drei Jahre. Finanziert aus dem Klima- und Transformationsfonds, also aus Einnahmen des Emissionshandels. Profitieren sollen Unternehmen aus 91 Sektoren, vor allem Chemie, Glas, Zement, Stahl, Gummi- und Kunststoffwaren, Halbleiterfertigung. Laut Berechnung der taz erhalten einige Firmen wenige Millionen Euro pro Jahr, andere nur einige Zehntausend. Eine Studie des Jacques Delors Centre schätzt, dass die durchschnittliche Förderung pro begünstigtem deutschen Unternehmen mehr als eine halbe Million Euro pro Jahr betragen dürfte.

Die Mechanik, kurz erklärt

Der Industriestrompreis ist keine neue Erfindung, sondern die Übersetzung eines EU-Rahmens in deutsches Recht. Die Europäische Kommission hatte im Juni 2025 einen neuen Beihilferahmen namens CISAF verabschiedet, Clean Industrial Deal State Aid Framework. CISAF erlaubt den Mitgliedstaaten erstmals ausdrücklich, die Strompreise für bestimmte Industriebranchen direkt zu subventionieren, eine Praxis, die vorher als wettbewerbsverzerrend ausgeschlossen war. Voraussetzung: die Branche gilt als strom- und handelsintensiv, und sie steht im internationalen Wettbewerb. Die Rechtsgrundlage zählt 91 Sektoren auf. Dass Keramikfliesen, Fruchtsäfte und Bekleidung aus Leder mit auf dieser Liste stehen, fällt in der deutschen Diskussion selten auf.

Die Mechanik selbst ist im Detail restriktiver als oft dargestellt. CISAF erlaubt nur eine Subvention auf 50 Prozent des Stromverbrauchs eines Unternehmens. Der Großhandelspreis darf um maximal 50 Prozent reduziert werden. Und der subventionierte Strompreis darf nicht unter 50 Euro pro Megawattstunde fallen, also fünf Cent pro Kilowattstunde. Genau dieser Wert ist der vielzitierte Zielpreis. Die Förderung ist auf drei Jahre begrenzt, und mindestens die Hälfte der Ersparnis muss in klimafreundliche Modernisierung investiert werden, etwa in Energieeffizienz, Speicher oder erneuerbare Energien.

Die Auszahlung erfolgt rückwirkend. Unternehmen beantragen Anfang 2027 Mittel für das Gesamtjahr 2026, zuständig ist laut BMWE das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Voraussetzung ist laut ZDFheute ein Mindestverbrauch von 100.000 Kilowattstunden pro Jahr. Das schließt Bäckereien, Lackierereien und Wäschereien praktisch aus.

Der Industriestrompreis im Überblick

  • Zielpreis: 5 ct/kWh für 50 Prozent des Verbrauchs
  • Volumen: 3,8 Milliarden Euro (Deutschland), Laufzeit 2026–2028
  • Branchen: 91 Sektoren, u.a. Chemie, Glas, Zement, Stahl, Halbleiter
  • Mindestverbrauch: 100.000 kWh pro Jahr
  • Auflage: Hälfte der Subvention in Modernisierung investieren
  • Finanzierung: Klima- und Transformationsfonds
  • Rechtsgrundlage: EU-Beihilfeverfahren SA.120495, CISAF-Rahmen
  • Auszahlung: rückwirkend ab Anfang 2027 durch das BAFA

Wer profitiert, wer nicht

Die BMWE-Pressemitteilung spricht von „potenziell mehreren tausend Unternehmen“. Die Studie des Jacques Delors Centre beziffert die tatsächlich begünstigten deutschen Firmen auf etwa 2.200. Das sind jene Unternehmen, die zwar zu den 91 CISAF-Sektoren gehören, aber noch keine Strompreiskompensation aus dem Emissionshandel beziehen. Wer die Strompreiskompensation bereits bekommt, also die rund 15 hochelektrointensiven Branchen wie Stahl, Kupfer oder Papier, kann nicht doppelt profitieren. Für diese Unternehmen ändert der Industriestrompreis in der aktuellen Marktlage wenig.

Was er in der Gesamtschau verändert, ist die Kostenstruktur für die breitere Gruppe der energieintensiven Industrie. Dazu gehören unter anderem BASF, Covestro, Evonik, Heidelberg Materials, Wacker, Infineon. Der Chemiekonzern BASF, größter Stromverbraucher Deutschlands, bekommt laut Marktanalysen „ab 2026 den neuen Industriestrompreis, der energieintensiven Unternehmen Strom für rund fünf Cent pro Kilowattstunde sichert und bis zu 50 Prozent des Verbrauchs abdeckt“. Der Verband der Chemischen Industrie hatte den Industriestrompreis seit Jahren als „Must-have“ bezeichnet. Er bekommt jetzt, was er wollte, wenn auch weniger, als er sich gewünscht hatte.

Die andere Seite ist deutlicher zu formulieren. Wer nicht profitiert: Mittelstand, Handwerk, Privathaushalte. Ein Bäcker, dessen Steinofen mehr Strom zieht als manche kleine Chemieanlage, zahlt weiter den normalen Preis. Eine Wäscherei, eine Lackiererei, ein Metallbauer, ein Reinigungsbetrieb, alles ausgeschlossen. Handwerkspräsident Jörg Dittrich fordert seit November 2025 dieselbe Formel: gleiche Wettbewerbsbedingungen bei den Energiekosten, Stromsteuerentlastung für alle Betriebe, nicht nur für die Industrie. Der Satz, den er dabei immer wiederholt: „Die Industrie ist eine zentrale Lebensader unseres Landes, doch das Handwerk hält die Regionen zusammen.“

Privathaushalte zahlen laut BDEW-Strompreisanalyse vom April 2026 durchschnittlich 37 Cent pro Kilowattstunde. Kleine bis mittlere Industriebetriebe ohne Sonderregelungen zahlen 16,7 Cent, große Industrie mit Standardverträgen 14,4 Cent. Die Bundesnetzagentur weist für energie- und wettbewerbsintensive Unternehmen einen Durchschnittspreis von etwa 10 Cent für März 2026 aus. Nach Einführung des Industriestrompreises sinkt dieser Effektivpreis für die begünstigte Gruppe weiter. Die Spreizung zwischen Industrie und Haushalten wächst.

Die Industrie ist eine zentrale Lebensader unseres Landes, doch das Handwerk hält die Regionen zusammen.

Die Kritik, sortiert nach Herkunft

Bemerkenswert an dieser Entscheidung ist, dass die Kritik aus drei politisch verschiedenen Ecken kommt und dabei zu ähnlichen Schlüssen kommt. Von rechts argumentieren ordoliberale Stimmen, dass die Subvention das eigentliche Problem verschleiert, nämlich dass deutscher Strom strukturell zu teuer sei, weil das Energiesystem falsch gebaut wurde. Von links argumentiert das Handwerk, dass die Regierung mit ihrer Entscheidung Mittelstand und Kleinbetriebe benachteiligt. Von der energieökonomischen Mitte kritisiert Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, laut ZDFheute-Bericht vom Dezember 2025, dass der Industriestrompreis „alte Strukturen und den Stromverbrauch zementiert, anstelle dass man Anreize gibt, den Stromverbrauch zu senken“.

Die Analyse des Jacques Delors Centre geht noch weiter. Sie kommt zu dem Schluss, dass Industriestrompreise ein fiskalisch teures und wenig zielgerichtetes Instrument sind. Das zentrale Argument: Die Subvention hilft der Dekarbonisierung nur begrenzt, weil sie nur drei Jahre läuft, während sich industrielle Investitionen über zehn bis fünfzehn Jahre rechnen müssen. Für viele Unternehmen sei der Industriestrompreis keine Brücke zu niedrigeren Preisen, sondern eine Pause. Dauerhaft tragfähige Lösungen seien gezieltere Instrumente wie Klimaschutzverträge (Carbon Contracts for Difference), die für fünfzehn Jahre und mehr Planungssicherheit bieten und direkt an Investitionen gekoppelt sind. Genau dieses Instrument, Klimaschutzverträge, hatten die Grünen in der Vorgängerregierung ausgebaut und die jetzige Koalition reduziert.

Auch die begünstigten Verbände sind nicht zufrieden. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl findet laut taz den Zuschuss zu gering und fordert einen verlässlichen Strompreis von 50 Euro pro Megawattstunde inklusive aller Abgaben und Netzentgelte. Der Verband der Chemischen Industrie äußert sich ähnlich. Die Denkfabrik Agora Industrie begrüßt die Maßnahme grundsätzlich, hält aber die Dreijahres-Befristung für zu kurz. Heißt im Ergebnis: Die Koalition hat 3,8 Milliarden Steuergeld in die Hand genommen, und es ist schwierig, jemanden zu finden, der wirklich zufrieden ist.

Die politische Ökonomie

Das am seltensten benannte Element dieser Entscheidung ist ihre Entstehungsgeschichte. Der Industriestrompreis ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist das Ergebnis eines vieljährigen, gut dokumentierten Lobbyprozesses. Der Verband der Chemischen Industrie hat seit 2023 öffentlich einen Strompreisdeckel gefordert. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl tat dasselbe. Der ursprüngliche Habeck-Vorschlag aus dem Mai 2023 wurde von der damaligen Ampel-Koalition nicht umgesetzt, unter anderem am Widerstand des Finanzministeriums. Unter der neuen schwarz-roten Koalition wurde im November 2025 erneut ein Industriestrompreis im Koalitionsausschuss beschlossen, diesmal mit Rückendeckung von Kanzler Merz, der beim „Stahlgipfel“ im November erklärte, die energieintensive Industrie sei ohne Strompreisentlastung nicht überlebensfähig.

Die Frage, die dabei selten gestellt wird: Wer hat im Lobbyregister Deutschland die höchsten registrierten Ausgaben in diesem Themenfeld? Die Antwort ist öffentlich einsehbar und entspricht ziemlich genau der Liste der jetzigen Profiteure. Das ist keine Verschwörung. Das ist offen deklarierte Tagesordnung, die nur niemand zusammenträgt. Genau hier liegt die Leerstelle, die Lobbyregister und Gesetzgebungs-Tracker, wenn man sie verknüpft, füllen können. Wir arbeiten gerade daran, diese Verknüpfung als öffentlich zugängliches Tool bereitzustellen.

Was jetzt offenbleibt

Drei Fragen sind mit der EU-Genehmigung nicht beantwortet. Erstens: Was passiert nach 2028? CISAF erlaubt keine Verlängerung über 2030 hinaus. Entweder sind die Strompreise in Deutschland bis dahin strukturell so gesunken, dass die Subvention nicht mehr nötig ist, oder die begünstigten Unternehmen stehen 2029 vor demselben Problem wie 2025. Die Befristung ist als Druckmittel konstruiert, wird aber nur wirken, wenn der Rest des Clean Industrial Deal tatsächlich umgesetzt wird.

Zweitens: Wie wird die Investitionsauflage überwacht? Mindestens die Hälfte der Subvention soll in klimafreundliche Modernisierung fließen. Wer prüft das, nach welchen Kriterien, und was passiert bei Verstößen? Die Details dazu sollen laut Bundeswirtschaftsministerium erst in der Durchführungsrichtlinie geregelt werden, die in Kürze im Bundesanzeiger erscheint.

Drittens: Welche Wirkung hat die Subvention auf den Rest der Wirtschaft? Die Jacques-Delors-Studie weist darauf hin, dass höherer Stromverbrauch der subventionierten Firmen tendenziell die Preise für alle anderen Verbraucher erhöht, auch für Haushalte. Der Zuschuss für Übertragungsnetzentgelte, den die Regierung parallel eingeführt hat, mildert diesen Effekt, gleicht ihn aber nicht vollständig aus.

Einordnung: Der Industriestrompreis ist weder offensichtlich falsch noch unwidersprochen sinnvoll. Er folgt einer bekannten Logik der Standortpolitik, die man stützen oder kritisieren kann. Was dieser Entscheidung fehlt, ist die ehrliche politische Benennung dessen, was hier passiert: eine gezielte Entlastung einer gut organisierten Interessengruppe, finanziert aus einem Topf, der eigentlich der Dekarbonisierung dienen sollte, während Haushalte und Handwerk bei 37 bzw. 17 Cent die Kilowattstunde bleiben. Das ist keine Nachricht, das ist Politik. Die Diskussion darüber wäre es wert, so geführt zu werden.

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Am kommenden Donnerstag, 23. April, stimmt der Bundestag über die zweite Steuererleichterung dieser Woche ab: den Tankrabatt. 14 Cent Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel für Mai und Juni, Steuerausfall 1,6 Milliarden Euro. Auch das eine Entlastung, die fossile Energie begünstigt. Auch das eine Maßnahme, hinter der eine Lobbyspur steht. Vielleicht ist das der eigentliche Punkt dieser Woche. Zwei Milliardenpakete in sieben Tagen, und die Öffentlichkeit debattiert über weder das eine noch das andere in der Tiefe, die die Summe verdient.

Quellen

  1. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Pressemitteilung vom 16.04.2026: Industriestrompreis wird eingeführt
  2. Europäische Kommission, Beihilfeverfahren SA.120495 (Deutschland), SA.120414 (Bulgarien), SA.120965 (Slowenien): CISAF-Rahmen
  3. taz, 17.04.2026, Hannes Koch: Wie der neue Industriestrompreis funktionieren soll
  4. ZDFheute, 16.04.2026: Deutschland darf eigene Industrie mit günstigem Strom stützen
  5. ZDFheute, Dezember 2025, Interview mit Claudia Kemfert (DIW): Der neue Industriestrompreis ab 2026 – Alles nur Symbolpolitik?
  6. Jacques Delors Centre, Philipp Jäger, Oktober 2025: Cautionary tale or model for Europe? How member states should react to Germany’s new electricity subsidy
  7. BDEW, April 2026: BDEW-Strompreisanalyse April 2026
  8. Handwerksblatt, November 2025, Lars Otten: Koalitionsausschuss beschließt Industriestrompreis
  9. PwC Deutschland, 17.04.2026: Commission approves Bulgarian, German and Slovenian State aid schemes
  10. MLex, 16.04.2026: Germany, Bulgaria, Slovenia get EU approval for electricity price relief plans
  11. Handelsblatt, laufende Berichterstattung: Themenseite Industriestrompreis
  12. Deutscher Bundestag, Energiesteuer-Debatte vom 16.04.2026: Gesetzentwurf zur Senkung der Energiesteuern