Wenn wir wollen, dass sich in diesem Land und seiner Gesellschaft etwas ändert, dann müssen wir alle bei uns selbst anfangen. Ein Plädoyer fürs Zuhören.
Stellen Sie sich jemanden vor, der durchaus kompetent ist, der sich aber selten traut bestimmt zu sagen, was er weiß. Nicht aus Schüchternheit, sondern schlicht deshalb, weil er denkt, jemand anderes wisse mehr. Und alles, was er selbst weiß, wäre wertlos.
Deshalb schreckt er grundsätzlich davor zurück in – vielleicht auch bereits angewärmte – Debatten einzusteigen; ganz egal ob unter Freunden, Kollegen oder sonst wo im Alltag. Die kleine Imposter-Version unseres Selbst.
Wie Markus Lanz, leicht nach vorne gebeugt in seinem Stuhl sitzend, den Zeigefinger der linken Hand am Kinn, sagen würde: „Das macht doch was mit einem“.
Und er hätte recht: Das macht was mit einem. Und zwar auf ganz vielen Ebenen. Eine Gesellschaft, die von einer Politik vertreten wird, die nicht selbstbewusst auftritt, leidet auf lange Sicht an einer Identitätskrise: Wer sind wir eigentlich, wie dürfen/können/sollen wir denn sein, was können wir denn überhaupt, usw.
An der noch recht frühen Stelle im Artikel einen Einschub: Dinge zu lesen/hören, die dem eigenen Denken nicht entsprechen, ruft grundsätzlich eine Abwehrreaktion hervor. Direkt danach folgt dann eine Bewertung, wenn nicht gar eine direkte Verurteilung, so dass man sich mit dem Gelesenen/Gehörten bloß nicht weiter auseinandersetzen muss, da es ja schon das Label des „Falschen“ hat.
Diesen Impuls sollten wir lernen zu überspringen – ganz, ganz dringend.
Denn anders sind sachliche Diskussionen gar nicht erst möglich. Gelegenheit zum Üben könnte dieser Artikel bieten.
Wenn Ansichten nicht geäußert und diskutiert werden, dann festigen sie sich ausschließlich durch hingenommenes Berieseln aus der eigenen Umwelt. Dinge nicht zu hinterfragen, weil man der Meinung ist zu dem Thema selbst nichts beitragen zu können, ist bequem. Diese Bequemlichkeit hat Folgen, weil ausschließlich denen, die laut sind, Raum gegeben wird. Die Leisen nehmen sich schließlich keinen. Erst gestern saß ich neben zwei Herren (ich schätze Anfang Vierzig) und musste mit anhören, wie der eine den anderen mit seinen Untergangsszenarien für Deutschland beschallte. „Dieses Land bekommt nichts mehr hin. Ich schaue mir das jetzt seit Jahren an, es ändert sich nicht. Die können nichts.“ Das „Die“ war auf die Bundesregierung bezogen und allein die Formulierung schafft Distanz, hinter der es sich leicht verstecken lässt. „Wir“ wäre meiner Meinung nach die richtige Formulierung gewesen. Hätte diese Unterhaltung nicht in der Sauna stattgefunden, in der selbst ich ausnahmsweise mal keine Lust auf Diskussionen hatte, wäre ich zu den beiden, hätte mich vorgestellt, und hätte gefragt, was denn seiner Meinung nach passieren müsste, damit sich dieses Gefühl für ihn ändert. Ganz ohne Wertung, aus reinem Interesse.
Die dahinterliegende Grundhaltung zu glauben, dass ich alle vier Jahre ein Kreuz mache, und mich damit genug in die Demokratie eingebracht habe, ist ebenfalls zu bequem. Wenn ich Veränderung will, dann muss ich mich einbringen. Das fällt natürlich schwer, also verharren wir in unseren festgefahrenen Meinungen.
Warum, meinen wir, es uns erlauben zu können, in solch extremen Meinungen festzustecken? Wann haben wir verlernt den Gedanken, dass der Andere auch Recht haben könnte, oder man selbst einen Fehler gemacht hat, nicht mehr zuzulassen?
„Zwischen Sprachlosigkeit und Das-Falsche-Sagen ist ein weiter Raum, der wirklich mal ausgemessen werden müsste.“ – Robert Habeck
Was einem mittlerweile häufig als Schwäche ausgelegt werden dürfte, war einmal Diskussionskultur. Eine Diskussion macht nur mit offenem Ausgang Sinn – ansonsten ist es das, was heute Standard zu sein scheint: Ein voreingenommenes Niederbrüllen, allein zu dem Zweck die andere Seite in irgendeiner Weise fertig zu machen. Wie eben schon angedeutet: Je stärker die Aktion, desto stärker die Reaktion – also: umso lauter ich schreie, desto mehr verwehrt sich die Gegenseite des Zuhörens.
Wenn nun aus Angst davor, vernünftiges Handeln als Schwäche ausgelegt zu bekommen, die Schlussfolgerung ist, sich überall nur noch aufzuführen wie „die Axt im Walde“, oder aber, sich aus jeglicher Debatte herauszuhalten, dann haben wir ein Problem.
Das vorschnelle Verurteilen
Auf der anderen Seite haben wir Gefallen daran gefunden, selbstbewusstes Verhalten oft vorschnell als entweder rechts oder links abzustempeln, was dann wiederum als Argument dafür dient, dass ein Gespräch ohnehin sinnlos wäre. Eine argumentative – und oft auch gesellschaftliche – Mitte, suchen wir vergebens. Aber wie denn auch, wenn diejenigen, die versuchen sie neu zu bilden, entweder als zu schwache Lappen oder radikale Spinner abgetan werden. Auf manche mag das zutreffen, ja. Aber (noch) nicht auf eine Mehrheit.
Für ein gemeinsames „Wir Deutschen“, dem sich – davon bin ich überzeugt – eine große Mehrheit anschließen will, muss es möglich sein in der Sache klar zu formulieren, auch wenn das gegen Meinungen geht, die sich in einzelnen Milieus gesellschaftlich derart etabliert haben, dass der Versuch sie zu umgehen, einem direkt einen Stempel als zu links oder zu rechts aufdrückt. Beispiele gibt es hierfür zur Genüge – ich bin mir sicher, jedem und jeder fallen zahlreiche weitere Themen ein.
Und nun?
Was ist nun die Lösung? In meinen Augen ist diese leichter zu haben als gedacht. Wenn jeder bei sich selbst anfängt Verhaltensmuster nicht nur zu hinterfragen, sondern sie dann auch gegen den eigenen, inneren Widerstand zu ändern, dann ist der erste Schritt gemacht. Damit meine ich nicht, die eigenen Werte aufzugeben.
Wenn aber beispielsweise das nächste Mal Ihr Gegenüber eine Position äußert, mit der Sie nicht ganz einverstanden sind, holen Sie doch erst einmal tief Luft und geben dem/der anderen noch etwas mehr Zeit, die eigene Sicht zu äußern. (Längere Pausen ohne Unterbrechung sind zwar schwer auszuhalten, ich ermutige dennoch jeden dazu, das einmal zu probieren. In der Regel bricht der Gesprächspartner das Schweigen in dem einfach weitergeredet wird, was nicht selten erst zum eigentlichen Kern des Themas führt.) Reaktion – Gegenreaktion. Hat der andere nicht das Gefühl ausreden zu können, wird er lauter; wir kennen das vermutlich alle.
Und, ein ganz verrückter Gedanke: Es ist okay auseinanderzugehen und nicht einer Meinung zu sein. Wie schön, dass das in unserem Land möglich ist!
Über den Autor
André Siegl ist Sportwissenschaftler & Student des Studiengangs „Räume, Politiken und Gesellschaften Europas“ an der Universität des Saarlandes, Alumnus der Bucerius Summer School on Global Governance der Zeit Bucerius Stiftung sowie Scholar der Observer Research Foundation. Momentan leitet er im Rahmen der Transform4Europe Allianz das Transformation Lab Entrepreneurship.