Dorothee Bär hat die BAföG-Reform abgeräumt und das Ganze auch noch hübsch verpackt. Ein Wort, das mir ehrlich gesagt die Laune verdorben hat.
Vollkasko-Studium. So hat es die Bundesforschungsministerin genannt. Dorothee Bär, CSU, hat letzte Woche die schon vereinbarte BAföG-Reform vom Tisch gewischt und dabei diesen Begriff fallen lassen. Gemeint sind damit nicht irgendwelche Erben oder Gutverdiener. Gemeint sind Leute wie die, mit denen ich studiere. Leute, deren Eltern nicht eben mal 800 Euro im Monat überweisen können.
Das Wort kommt aus der Autowerbung. Rundum sorglos, alles abgedeckt, lehn dich zurück. Wenn man es auf Studierende klebt, schwingt sofort dieser Unterton mit: die machen es sich bequem, und zwar mit deinem Steuergeld. Das ist der Punkt an dem Wort. Es soll genau das im Kopf hängen lassen.
Nur stimmt es vorne und hinten nicht. Schauen wir uns an, was dieses angebliche Luxuspaket in echt ist.
635 Euro. Und davon erstmal die Miete
2024 lag die durchschnittliche BAföG-Förderung bei 635 Euro im Monat. Das ist alles, was vom Staat kommt. Davon geht als Erstes die Miete weg, und ein WG-Zimmer in einer halbwegs normalen Stadt kostet warm inzwischen über 500 Euro. Bleiben grob 130 Euro übrig. Für den ganzen Monat. Essen, Semesterticket, Strom, mal ein Buch, das nicht in der Bib steht.
Rechne das auf den Tag runter, dann bist du bei etwas über vier Euro. Ich weiß nicht, was Dorothee Bär für vier Euro am Tag bekommt, aber Vollkasko ist es nicht. Eher das Gegenteil. Wer von 130 Euro Restbudget lebt, fährt nicht Vollkasko, der fährt ohne Bremsen.
Jeder dritte Student ist arm
Jetzt wird es richtig bitter. Während in der Gesamtbevölkerung etwa 14 Prozent als armutsgefährdet gelten, sind es unter den Studierenden 35 Prozent. Mehr als jeder Dritte. Und bei denen, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, sondern allein oder in einer WG, sind es satte 77 Prozent. Lies die Zahl ruhig nochmal. Drei von vier Studierenden mit eigener Wohnung leben unter der Armutsgrenze.
Das sind keine Schätzungen von irgendeinem Verband, das ist das Statistische Bundesamt. Die Hälfte der Studierenden mit eigenem Haushalt hat unterm Strich weniger als 867 Euro im Monat zur Verfügung. Davon Miete, Essen, alles.
Und Dorothee Bär? Die hat im selben Atemzug noch den Tipp parat gehabt, Studierende sollten halt „jobben“ gehen. Nur tun das die meisten längst. Neben Vorlesungen, Hausarbeiten und Prüfungen kellnern, Pakete schleppen, an der Kasse sitzen, weil das Geld sonst hinten und vorne nicht reicht. Studieren ist in Deutschland längst kein Selbstläufer mehr, sondern für viele ein Drahtseilakt ohne Netz. Und ausgerechnet das Netz, das es noch gibt, will die Union jetzt enger knüpfen.
Ein Programm, das langsam stirbt
Das BAföG war mal ein Versprechen. Egal woher du kommst, studieren sollst du können. In den Siebzigern bekam es mehr als jeder dritte Studierende. Heute sind es 11,4 Prozent. Nicht weil es weniger Arme gibt, sondern weil die Einkommensgrenzen seit Jahrzehnten kaum angefasst wurden und die Inflation den Rest erledigt hat.
2024 ist die Zahl der Geförderten auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000 gefallen. Das System trocknet aus, leise, ohne dass es je jemand offiziell abgeschafft hätte. Die geplante Reform sollte da gegensteuern. Ein bisschen mehr Wohngeld, etwas höhere Sätze, eine Kopplung an die Grundsicherung. Kein großer Wurf, aber wenigstens ein Anfang.
Und genau den hat die Union jetzt einkassiert.
Worum es wirklich geht
Die Reform war beschlossen. Schwarz auf weiß im Koalitionsvertrag, unterschrieben von CDU, CSU und SPD. Im Kabinett war sie eingeplant. Dann hat Bär sie von der Tagesordnung gestrichen und behauptet, die Regierungsfraktionen würden sie nicht mehr mittragen. Die SPD hat noch am selben Tag widersprochen und die Darstellung schlicht falsch genannt.
Der eigentliche Grund ist viel profaner. Für 2026 stehen 248 Millionen Euro weniger fürs Studierenden-BAföG bereit, und die Union will dieses Geld nicht zurückholen. Lieber bricht man ein gegebenes Versprechen, als bei einem Posten Geld lockerzumachen, der im Bundeshaushalt kaum auffällt.
Damit das klar ist: Das ganze BAföG hat den Bund 2024 rund 3,1 Milliarden Euro gekostet. Es gibt einzelne Rüstungsposten, die teurer sind. Deutschland kann sich Bildungsgerechtigkeit also locker leisten. Es will nur gerade nicht, und packt obendrauf noch ein höhnisches Etikett.
Die Fakten
- 35 Prozent der Studierenden sind armutsgefährdet, bei eigener Wohnung sogar 77 Prozent (Destatis, EU-SILC 2023).
- 612.800 Menschen bezogen 2024 BAföG, darunter 483.800 Studierende. Niedrigster Stand seit dem Jahr 2000.
- Durchschnittliche Förderung: 635 Euro pro Monat, fünf Euro weniger als im Vorjahr.
- Nur noch 11,4 Prozent aller Studierenden erhalten BAföG. In den siebziger Jahren war es über ein Drittel.
- Bei der Wahl 2025 waren nur 13 Prozent der Wahlberechtigten unter 30, aber 59 Prozent 50 Jahre und älter.
- Für 2026 stehen 248 Millionen Euro weniger fürs Studierenden-BAföG bereit als 2025.
Politik wird für die Alten gemacht. Punkt.
Das BAföG ist kein Einzelfall, sondern Symptom. Junge Menschen werden in diesem Land seit Jahren politisch hinten angestellt, und das hat einen ziemlich simplen Grund: Sie sind in der Minderheit, und sie wählen seltener.
Bei der Bundestagswahl 2025 waren nur 13 Prozent der Wahlberechtigten jünger als 30. Über die Hälfte, 59 Prozent, war 50 und älter. Rechnet man die höhere Wahlbeteiligung der Älteren dazu, stellen die über 60-Jährigen rund 40 Prozent aller tatsächlich abgegebenen Stimmen. Die unter 30-Jährigen kommen auf keine 12 Prozent. 1990 war noch fast jeder Vierte unter 30, heute jeder Achte.
Wer wie die Union seine Wähler überproportional aus der Generation 60 plus zieht, macht eben Politik für genau diese Generation. Rente stabil, bloß keine Zumutungen für die, die schon da sind. Und wenn gespart werden muss, dann halt bei denen, die kaum wählen und noch keine Lobby haben. Studierende zum Beispiel. Das ist keine Verschwörung, das ist schlicht Mathematik. Aber es ist eine Mathematik, die eine ganze Generation systematisch übergeht.
Der Witz an der Sache: Dieselben Politiker reden ununterbrochen von Zukunft, von Fachkräften, von Innovation. Und dann nennen sie 635 Euro für angehende Fachkräfte ein Vollkasko-Studium. Man muss sich nicht wundern, dass so viele junge Leute das Gefühl haben, in diesem Laden nicht vorzukommen.
Man könnte sagen, eine Formulierung, geschenkt, jeder verhaspelt sich mal. Aber Vollkasko ist kein Versprecher. Das Wort sagt ziemlich genau, für wen sich diese Union zuständig fühlt und für wen nicht. Wenn du aus einem Haushalt ohne Rücklagen kommst und trotzdem studieren willst, bist du in diesem Denken kein Talent, das man fördert, sondern ein Kostenfaktor, den man kleinhält.
Und das Beste kommt noch: Dieselbe Politik, die das BAföG jahrzehntelang hat verkümmern lassen, tut jetzt so, als wäre jede kleine Verbesserung schon zu viel des Guten. Du kriegst fast nichts und sollst dankbar sein, dass es nicht noch weniger wird. Forderst du mehr, giltst du als anspruchsvoll. Ziemlich dreiste Nummer, wenn man drüber nachdenkt.
Die SPD droht jetzt mit dem Koalitionsbruch. Eine Abgeordnete hat auf Instagram offen „dann gehen wir“ geschrieben, den Post aber schnell wieder gelöscht. Ob da echte Konsequenzen kommen oder nur ein bisschen Säbelrasseln, weiß keiner. Mein Tipp: Am Ende steht ein fauler Kompromiss und die wichtigste Frage bleibt ungestellt.
Die Frage ist nämlich nicht, ob Deutschland sich das BAföG leisten kann. Das kann es. Die Frage ist, was ein Land eigentlich vorhat, das ständig vom Fachkräftemangel jammert und gleichzeitig ausgerechnet den Kindern aus den unteren Schichten das Studium schwerer macht. Und ob eine Ministerin, die vier Euro am Tag für ein Luxusproblem hält, der richtige Mensch ist, um darüber zu entscheiden.
Titelbild: Martin Rulsch, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
destatis.de — BAföG-Statistik 2024
hochschuldaten.che.de — Studienfinanzierung
taz.de — Bär gegen BAföG-Erhöhung
handelsblatt.com — SPD hält an Reform fest
bafoeg-rechner.de — BAföG-Statistik 2024
destatis.de — Armutsgefährdung Studierende (EU-SILC 2023)
bpb.de — Wahlberechtigte nach Alter


