Krieg im Iran, Hunger in Asien: Die Zeitbombe die im Juni explodiert

Seit dem 28. Februar bombardieren USA und Israel den Iran. Die Welt diskutiert Ölpreise, Börsen und Raketenangriffe. Was kaum jemand beachtet: Die eigentliche Rechnung kommt erst noch, und sie landet nicht in Europa, sondern auf den Feldern Südasiens und in den Supermärkten der Welt.

Die Straße die alles blockiert

Die Straße von Hormuz ist an ihrer engsten Stelle 54 Kilometer schmal. Durch sie fließt ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln. Seit Kriegsbeginn ist sie praktisch geschlossen.

Das Problem ist nicht nur dass Öl und Gas nicht mehr durchkommen. Das Problem ist was daraus gemacht wird: Dünger. LNG aus Katar ist der primäre Rohstoff für die Produktion von Harnstoff, dem meistgenutzten Stickstoffdünger der Welt. QatarEnergy, das 20% der weltweiten LNG-Versorgung liefert, hat seit Kriegsbeginn Force Majeure erklärt. Kein LNG, kein Harnstoff. Kein Harnstoff, keine ausreichende Ernte.

Indien: Das Zeitfenster schließt sich

Indien ist das konkreteste Beispiel für das was gerade passiert. Das Land ist der weltgrößte Importeur von Harnstoff, der weltgrößte Reisexporteur und der zweitgrößte Weizenproduzent. Es bezieht etwa 63% seines Stickstoffdüngers aus Golfstaaten.

Seit Kriegsbeginn laufen indische Düngemittelwerke nur noch auf 70% ihrer Kapazität. Mehrere Anlagen, darunter die des größten indischen Produzenten IFFCO, haben die Produktion teilweise eingestellt. Ein gestopptes Werk braucht bis zu einem Monat zum Neustart, selbst wenn LNG morgen wieder fließen würde.

Das Zeitfenster ist konkret und eng: Die indische Monsun-Pflanzsaison beginnt im Juni. DAP-Dünger wird direkt bei der Aussaat eingesetzt. Indien hat aktuell Reserven für etwa 1,8 Monate Harnstoff und 3,4 Monate DAP. Das klingt komfortabel, ist es aber nicht. Wenn der Krieg bis Mai andauert, beginnt die Pflanzsaison mit leeren oder halbvollen Lagern.

Die globale Kettenreaktion

Indien ist nicht allein. Düngemittelwerke in Bangladesch und Pakistan haben ebenfalls die Produktion gedrosselt oder vollständig gestoppt. Ägypten, selbst ein wichtiger Produzent, hat seine Gasimporte verloren. Brasilien, das für seinen Sojaanbau stark auf importierten Stickstoff- und Phosphatdünger angewiesen ist, spürt die Engpässe bereits.

Dazu kommt ein zweiter Effekt: Schwefel. Schwefel ist ein essenzieller Bestandteil von Phosphatdüngern wie DAP und fällt als Nebenprodukt der Öl- und Gasverarbeitung an. China bezieht über 50% seiner Schwefelimporte aus dem Nahen Osten, Indonesien sogar fast 70%. Wenn Energielieferungen durch Hormuz wegbrechen, bricht auch die Schwefelversorgung ein, und damit ein weiterer Baustein der globalen Ernährungskette.

Oxford Economics hat die globale Düngemittelpreisprognose für das zweite Quartal 2026 bereits um 20% nach oben korrigiert. Stickstoffpreise könnten sich laut Morningstar bei anhaltendem Krieg annähernd verdoppeln.

Was das für Deutschland und Europa bedeutet

Europa ist nicht der Hauptleidtragende, aber auch nicht immun. Deutsche Chemieproduzenten, die bereits seit der Ukraine-Krise 2022 unter hohen Energiekosten leiden, sehen ihre Gaskosten erneut steigen. Der Standort Leuna in Sachsen-Anhalt zahlt inzwischen 17 Millionen Euro monatlich für Gas, verglichen mit 6 Millionen vor dem Ukraine-Krieg.

Direkter trifft es europäische Landwirte. Ein französischer Weizenfarmer berichtete Reuters, die Situation sei nicht tragbar. Wer im Frühjahr noch Dünger kaufen muss, zahlt jetzt deutlich mehr. In Subsahara-Afrika, wo Düngemittel für viele Kleinbauern ohnehin kaum erschwinglich sind, könnte selbst ein moderater Preisanstieg die Anwendung weiter reduzieren und Ernteerträge senken.

Was passiert wenn der Krieg bis Juni andauert

Das ist die entscheidende Frage, und die Antwort ist unangenehm. Fitch Ratings warnt explizit, dass ein anhaltender Krieg den Stickstoffdüngermarkt fundamental destabilisieren würde. Die Pflanzsaison auf der Nordhalbkugel lässt sich nicht verschieben. Bauern die im Juni keinen bezahlbaren Dünger haben, pflanzen entweder weniger an oder verzichten auf ausreichende Düngung. Beides senkt die Ernteerträge.

Der Carnegie Endowment for International Peace bringt es auf den Punkt: Düngemittelschocks registrieren sich nicht mit der gleichen Unmittelbarkeit wie Ölschocks. Benzinpreise ändern sich über Nacht. Ernteerträge zeigen sich Monate später. Zentralbanken die sich auf energiegetriebene Inflation konzentrieren, könnten den Beitrag der Düngemittelknappheit zu den Gesamtpreisen unterschätzen.

Der Iran-Krieg ist kein regionales Ereignis. Er ist ein globaler Versorgungskettentest dessen Ergebnisse erst zur Ernte sichtbar werden. Wenn die Straße von Hormuz bis Juni geschlossen bleibt, wird die Welt das nicht primär an der Zapfsäule merken, sondern auf dem Teller, und zwar zuerst bei denen die es sich am wenigsten leisten können.


Quellen:


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