07.07.2026
Aktualisiert: 11:57 Uhr
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Höcke auf dem AfD-Parteitag: „Wir müssen einen großen Teil der Nation auf die Couch legen und therapieren“

In seinem Grußwort erklärt der Thüringer Landeschef politische Gegner zu Kranken, die seine Partei heilen muss. Das ist kein Ausrutscher. Das ist ein Programm.

  Luca Calcagno  ·  6. Juli 2026

Samstag, Erfurt, 17. Bundesparteitag der AfD. Björn Höcke breitet auf der Bühne eine Deutschlandflagge aus und hält das Grußwort des gastgebenden Landesverbandes. Was dann fällt, ist live auf phoenix zu sehen. Und es lohnt jedes einzelne Wort einer genauen Lektüre.

Im Wortlaut

„Das sind Menschen, denen man nicht ermöglicht hat, eine gesunde Identität auszubilden. Das sind Seelenverwundete, wie ich sie nenne. Und auch das ist eine Aufgabe unserer AfD: Normalität herzustellen und zu heilen. Wir sind im Endeffekt auch große Psychologen. Wir müssen einen großen Teil der Nation auf die Couch legen und therapieren.“

Björn Höcke, Grußwort, AfD-Bundesparteitag, 4. Juli 2026

Man muss das zweimal lesen. Da steht nicht: Wir wollen Menschen überzeugen. Da steht: Wer anders denkt, ist krank. Nicht anderer Meinung, sondern krank. Politischer Dissens wird zur Diagnose, der Gegner zum Patienten, die Partei zum Therapeuten. Und eine Behandlung, die angeblich ein großer Teil der Nation braucht, ist nichts, dem man zustimmt. Sie wird verordnet.

Das Denkmuster ist nicht neu, und es ist alles andere als harmlos. Die Sowjetunion steckte Dissidenten mit der Diagnose „schleichende Schizophrenie“ in psychiatrische Anstalten. Wer das System ablehnte, konnte in dieser Logik nur krank sein. Genau dieses Muster stand am Samstag auf der Bühne eines deutschen Bundesparteitags, freundlich verpackt als Heilungsangebot.

Politischer Dissens wird zur Diagnose, der Gegner zum Patienten, die Partei zum Therapeuten.

Der Rest derselben Rede

„Die Brandmauer hat uns groß gemacht.“ Höcke erklärt die Ausgrenzung seiner Partei für gescheitert und leitet daraus den Regierungsanspruch ab.

Die „bunte Zivilgesellschaft“ simuliere nur Volk und Mehrheit. Wenn die AfD regiere, werde ihr „der Steuerstecker gezogen“.

Höckes Landesverband Thüringen wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch geführt. Die Einstufung wurde nie gerichtlich angefochten.

Setzt man das zusammen, ergibt sich ein klares Bild. Kritiker sind Patienten. Zivilgesellschaft ist Simulation. Und was als normal und gesund gilt, definiert eine einzige Partei. Das ist kein Reformprogramm für dieses Land. Es ist der Entwurf für ein anderes, in dem es nur eine legitime Haltung gibt und alles daneben Therapie braucht.

Wer das für rhetorisches Spektakel hält, unterschätzt die Präzision. Höcke sagt genau, was er meint. Er redet von Identität, von Heilung, von Normalität, und meint eine Gesellschaft, in der Abweichung als Störung behandelt wird. Das Vokabular ist weich. Der Inhalt ist es nicht.

Fazit

Die Pointe liefert Höcke selbst. Ein Mann, der wegen des Rufens einer SA-Parole wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und den man laut Verwaltungsgericht Faschist nennen darf, erklärt sich zum Chefpsychologen der Nation. Man muss nicht überzeugt sein, um zu verstehen, wohin das führt. Man muss nur zuhören.

Quellen

Video der Rede (phoenix):
youtube.com/watch?v=cH98zjXDnZE

„Bunte Zivilgesellschaft“ und „Steuerstecker“ (Tagesspiegel):
tagesspiegel.de

Einstufung Thüringen gesichert rechtsextremistisch (Correctiv-Übersicht):
correctiv.org

„Faschist“-Beschluss, VG Meiningen, Az. 2 E 1194/19 Me (Volltext / Einordnung taz):
openjur.de  ·  taz.de

Verurteilung wegen Volksverhetzung, vom BGH bestätigt: Beschlüsse vom 20.08.2025, Az. 3 StR 484/24 und 3 StR 519/24.

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