Alberta stimmt heute ab, und in vielen Schlagzeilen steht „Unabhängigkeitsreferendum“. Auf dem Stimmzettel steht etwas anderes. Was wirklich gefragt wird, was die Umfragen zeigen und warum laut Umfragen nur etwa jeder Achte tatsächlich raus will.
Res.Publica, 19. Oktober 2026. Stand: 19. Oktober, vor Schließung der Wahllokale.
Die kanadische Provinz Alberta hat rund fünf Millionen Einwohner, etwa drei Millionen Wahlberechtigte und den größten Teil von Kanadas Öl. Heute stimmt sie über zehn Fragen ab. Die zehnte ist die, über die alle reden. Ihr Wortlaut laut Elections Alberta: Soll Alberta eine Provinz Kanadas bleiben, oder soll die Regierung von Alberta den nach der kanadischen Verfassung erforderlichen Prozess beginnen, um ein bindendes Referendum darüber abzuhalten, ob Alberta sich von Kanada trennt?
Gefragt wird also nicht nach Unabhängigkeit, sondern nach dem Weg zu einer zweiten Abstimmung. Und selbst dieses Ergebnis ist ausdrücklich nicht bindend, so steht es im Regierungserlass O.C. 160/2026.

Wie die Frage auf den Zettel kam
Ursprünglich wollten Separatisten über eine Bürgerpetition ein echtes Abspaltungsreferendum erzwingen. Das Court of King’s Bench von Alberta hat diese Petition gekippt, die Provinzregierung ist in Berufung gegangen. Premierministerin Danielle Smith hat die Frage dann selbst auf den Stimmzettel gesetzt, in einer abgeschwächten Form. Die Regierung begründet das damit, dass die Bürger Richtung geben sollen, während das Gerichtsverfahren läuft.
Smith sagt, sie selbst habe für den Verbleib in Kanada gestimmt. Gleichzeitig wirbt sie für die anderen neun Fragen, die mehr Macht für die Provinz verlangen: eigene Richterauswahl, Vorrang von Provinzgesetzen, Austritt aus Bundesprogrammen mit Mitnahme des Geldes, Abschaffung des Senats, dazu mehrere Fragen zu Einwanderung und Sozialleistungen. Vier dieser Fragen sind bindend, die Separationsfrage nicht.
Was die Umfragen zeigen
Seit April sind mindestens 15 Umfragen zur Frage 10 erschienen, gesammelt bei 338Canada. Option 2, der Weg zur Abspaltung, lag in allen zwischen 19 und 35 Prozent. Das Bild ist stabil: Ipsos, Léger und Research Co. sehen eher gut 20 Prozent, das Angus Reid Institute regelmäßig gut 30. Der Unterschied liegt vor allem daran, wie die Institute mit Unentschlossenen umgehen. Die letzte Léger-Umfrage (2. bis 4. Oktober) kommt auf 70 Prozent für den Verbleib, 22 Prozent für Option 2 und 7 Prozent Unentschlossene. Angus Reid (13. bis 15. Oktober) weist keine Unentschlossenen aus und kommt auf 66 zu 34.
Die Angabe aus deutschen Tickern, etwa ein Viertel sei dafür, passt zum Durchschnitt: Der Umfrageschnitt von The Writ lag am 18. Oktober bei 68 zu 26 Prozent.
Wer wirklich raus will
Interessanter als die Höhe ist die Begründung. Angus Reid hat die Wähler von Option 2 gefragt, warum sie so stimmen. 60 Prozent sagen, es gehe ihnen darum, Ottawa eine Botschaft zu schicken. Nur 37 Prozent sagen, sie wollen tatsächlich die Trennung von Kanada.
Rechnet man das auf alle Befragten hoch, ergibt sich: 34 Prozent für Option 2 mal 37 Prozent, die die Trennung wollen, sind rund 13 Prozent. Etwa jeder achte Befragte will also wirklich raus. Die übrigen gut 20 Prozent nutzen die Abstimmung als Protest. Das ist unsere eigene Rechnung auf Basis einer einzigen Umfrage, sie hat deshalb eine Unschärfe von einigen Prozentpunkten. An der Größenordnung ändert das nichts.
Schon im August hatte Angus Reid dasselbe gefragt, damals sagten 41 Prozent der Option-2-Wähler, es gehe um eine Botschaft. Der Protestanteil ist also eher gewachsen.
Der Vergleich mit Québec und Schottland
Québec hat 1995 über die Souveränität abgestimmt und sie mit 49,42 Prozent Ja um 54.288 Stimmen verfehlt, bei 93,52 Prozent Beteiligung. Schottland kam 2014 auf 44,7 Prozent Ja, bei 84,6 Prozent Beteiligung. In beiden Fällen ging es um die Abspaltung selbst, nicht um einen Prozess dorthin.
Alberta ist davon weit entfernt. Selbst wenn man jede Protestwählerin und jeden Protestwähler mitzählt, liegt Option 2 in den Oktober-Umfragen (22 bis 34 Prozent) 10 bis 27 Prozentpunkte unter dem, was Schottland und Québec erreicht haben.
Warum das Ergebnis trotzdem zählt
Der Oberste Gerichtshof Kanadas hat 1998 im Gutachten zur Abspaltung Québecs entschieden: Eine Provinz darf sich nicht einseitig abspalten. Eine klare Mehrheit auf eine klare Frage verpflichtet die anderen Teile Kanadas aber, über eine Abspaltung zu verhandeln. Was „klar“ bedeutet, hat das Gericht bewusst offengelassen.
Ein starkes Ergebnis für Option 2 wäre deshalb ein politisches Signal, das Ottawa schwer ignorieren kann, auch wenn es rechtlich nichts auslöst. Die Beteiligung dürfte hoch sein: Laut AP hatten bis Freitag mehr als eine Million Menschen vorab oder per Brief abgestimmt. Das macht jedes Ergebnis schwerer wegzureden, in beide Richtungen.
Premierminister Mark Carney hat in den letzten Tagen in Calgary für den Verbleib geworben, ein Auftritt in Edmonton war geplant. Auch der konservative Oppositionsführer Pierre Poilievre ruft dazu auf, gegen den Weg zur Abspaltung zu stimmen.
Wann das Ergebnis kommt
Die Wahllokale sind von 9 bis 20 Uhr Ortszeit geöffnet, das ist Dienstag, 4 Uhr deutscher Zeit. Frage 10 wird in jedem Wahllokal zuerst ausgezählt, die Stimmen werden von Hand gezählt. Die inoffizielle Auszählung muss innerhalb von 48 Stunden abgeschlossen sein, das amtliche Ergebnis verkündet Elections Alberta am 29. Oktober. Wir ergänzen das Ergebnis hier, sobald es vorliegt.
Quellen
- Elections Alberta, Referendum 2026, Wortlaut Frage 10 und Auszählung: https://www.elections.ab.ca/elections/referendum/
- Elections Alberta, Wahltag und Ergebnisse: https://www.elections.ab.ca/current-election-information/
- Calgary Chamber, die zehn Fragen erklärt (O.C. 160/2026, gekippte Petition): https://calgarychamber.com/whats-new/ten-referendum-questions-explained-policy/
- Angus Reid Institute, Umfrage 13. bis 15. Oktober 2026: https://angusreid.org/alberta-referendum-remain-continues-to-lead-by-a-wide-margin-but-few-believe-separation-issue-will-end-on-oct-19/
- Angus Reid Institute, Umfrage 10. bis 13. August 2026: https://angusreid.org/alberta-referendum-polling-sending-a-message-danielle-smith-seperation/
- Léger, Umfrage 2. bis 4. Oktober 2026: https://leger360.com/alberta-referendum-october-2026/
- 338Canada, alle Umfragen seit April: https://338canada.com/alberta/polls-indy.htm
- The Writ, Umfrageschnitt: https://www.thewrit.ca/p/alberta-referendum-poll-tracker
- AP via Spokesman-Review, Vorab-Stimmen, Smith, Carney, Poilievre: https://www.spokesman.com/stories/2026/oct/16/alberta-early-voter-surge-suggests-edge-for-canadi/
- Élections Québec, Ergebnis 1995: https://www.electionsquebec.qc.ca/en/results-and-statistics/1995-referendum-on-quebecs-accession-to-sovereignty/
- Electoral Management Board for Scotland, Ergebnis 2014: https://emb.scot/scottish-independence-referendum-2014-3/scottish-independence-referendum-18-september-2014
- Supreme Court of Canada, Reference re Secession of Quebec (1998): https://decisions.scc-csc.ca/scc-csc/news/en/642/1/document.do

