Analyse · Sudan · 20.04.2026
Drei Jahre Krieg. 12 Millionen Vertriebene. 25 Millionen Hungernde. Ein dokumentierter Genozid in El Fasher. Und ein internationales System, das dabei zusieht, weil seine einflussreichsten Mitglieder auf beiden Seiten des Schlachtfelds mitverdienen. Eine Bestandsaufnahme der größten humanitären Katastrophe der Gegenwart, die in Europa kaum eine Schlagzeile wert ist.
Wer wissen will, wie das internationale System funktioniert, wenn niemand hinschauen will, muss nach Sudan schauen. Seit dem 15. April 2023 führen die Sudanese Armed Forces unter General Abdel Fattah al-Burhan und die Rapid Support Forces unter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, einen Krieg gegeneinander, der nach drei Jahren jede vergleichbare Krise der Gegenwart in den Schatten stellt. Mehr als 12 Millionen Menschen sind laut UN-Entwicklungsprogramm vertrieben, damit ist Sudan die größte Vertreibungskrise der Welt. 25 Millionen Menschen hungern. Famine, also offizieller Hungerstatus, wurde in Nord-Darfur und Teilen von Groß-Kordofan erklärt.
Und während die Zahlen wachsen, verlangsamt sich die internationale Reaktion. Der UN-Hilfsaufruf für 2024 forderte 2,7 Milliarden US-Dollar. Bis Jahresmitte war weniger als 40 Prozent davon eingegangen. Der Bericht der UN-Fact-Finding-Mission vom Februar 2026 dokumentiert in El Fasher „die Hallmarks eines Genozids“ gegen die Zaghawa und Fur. Tausende wurden in drei Tagen ermordet. Der Rest der Welt diskutiert über anderes.
Was in El Fasher passiert ist
El Fasher war bis zum 26. Oktober 2025 die letzte Stadt in Darfur, die noch unter Kontrolle der sudanesischen Armee und verbündeter Kräfte stand. Die RSF belagerte sie 18 Monate lang. Laut UN-Bericht wurde die Bevölkerung in dieser Zeit „durch Hunger, Entbehrung, Trauma und Einsperrung systematisch geschwächt“. Als die Stadt fiel, folgte was das UN-Menschenrechtsbüro später als „Welle von Gewalt, erschütternd in Umfang und Brutalität“ beschrieb.
Die Zahlen aus dem UN-Bericht. In den ersten drei Tagen der Einnahme wurden mindestens 6.000 Tötungen dokumentiert. 4.400 Menschen starben innerhalb der Stadt. 1.600 weitere auf Fluchtrouten. Die UN schreibt explizit, die tatsächliche Totenzahl der einwöchigen Offensive liege „zweifellos deutlich höher“. Der Gouverneur von Darfur sprach von 27.000 Toten allein in den ersten drei Tagen. Die Kartumer Denkfabrik Confluence Advisory schätzt 100.000. Das Yale Humanitarian Research Lab ging davon aus, dass von den 250.000 verbliebenen Zivilisten nach dem Massaker fast alle tot, vertrieben oder im Verborgenen waren.
RSF-Kämpfer sagten laut Überlebenden-Aussagen Sätze wie „Ist hier jemand Zaghawa dabei? Wenn wir Zaghawa finden, töten wir sie alle“ und „Wir wollen alles Schwarze aus Darfur eliminieren“. Männer und Jungen unter 50 wurden gezielt getötet oder entführt. Frauen und Mädchen der Zaghawa und Fur wurden systematisch vergewaltigt, oft in Gruppen, teilweise über Stunden oder Tage. Wer als arabisch wahrgenommen wurde, blieb häufig verschont. Das ist Genozid nach allen gängigen Kriterien internationalen Rechts, und die UN-Mission spricht es aus: „Die RSF handelte mit der Absicht, die Zaghawa- und Fur-Gemeinschaften in El Fasher ganz oder teilweise zu vernichten. Das sind die Hallmarks eines Genozids.“
Sudan in Zahlen (Stand: April 2026)
- Kriegsdauer: 3 Jahre (seit 15.04.2023)
- Vertriebene gesamt: ca. 14 Millionen (UN, April 2026)
- Davon Binnenvertriebene: über 8,8 Millionen
- Geflüchtete in Nachbarländer: ca. 4,5 Millionen
- Hungerleidende: 25 Millionen (über 50% der Bevölkerung)
- Famine-Gebiete: Nord-Darfur, Groß-Kordofan, inzwischen weitere
- Zerstörte Gesundheitseinrichtungen: ca. 61%
- Dokumentierte Tote El Fasher: mindestens 6.000 in 3 Tagen (UN), Schätzungen bis 100.000
- UN-Hilfsbedarf 2024: 2,7 Mrd. USD / Jahresmitte 2024: 40% gedeckt
Die Außenbeteiligten: Waffen auf beide Seiten
Sudans Krieg ist kein isoliertes innerstaatliches Ereignis. Er ist ein Stellvertreterkonflikt, an dem mindestens fünf externe Akteure militärisch beteiligt sind, und das seit dem ersten Tag. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind laut Congressional Research Service der wichtigste externe Unterstützer der RSF. Sie liefern Waffen, Finanzierung und haben gleichzeitig den Jeddah-Mediationsprozess mit den USA und Saudi-Arabien co-veranstaltet. Das Muster ist bemerkenswert: der Staat, der eine der beiden Kriegsparteien ausstattet, sitzt am Vermittlungstisch.
Russland hat beide Seiten beliefert. Über die Wagner-Gruppe und ihren Nachfolger Africa Corps wurden zunächst RSF-Einheiten mit Waffen und Training versorgt. Parallel wurden mit der SAF Verhandlungen über einen Marinestützpunkt in Port Sudan geführt. Der Zweck dieser Doppelstrategie ist laut Analyse der finnischen National Defence University klar: Einfluss sichern, gleich wer gewinnt, und dabei Gold extrahieren, um westliche Sanktionen gegen Russland zu unterlaufen. Die dokumentierten Mengen gehen in Milliardenhöhe.
Auf der SAF-Seite stehen Ägypten mit logistischer und Waffenunterstützung sowie Iran, das Drohnen liefert. Ukraine-Spezialkräfte sollen zeitweise SAF-Einheiten begleitet haben, vor allem um Wagner-Operationen und russische Goldschmuggelnetze anzugreifen. Das ist vermutlich der einzige Kriegsschauplatz der Welt, auf dem ukrainische und russische Kräfte sich direkt gegenüberstehen, ohne dass die europäische Öffentlichkeit es zur Kenntnis nimmt.
Hinter diesem Akteursgeflecht steht ein zynisches Rechenspiel. Die Emirate wollen Einfluss in Ostafrika und Kontrolle über Häfen am Roten Meer. Russland braucht Gold, weil seine Wirtschaft sanktioniert ist. Saudi-Arabien will nicht, dass der Iran in einem Nachbarstaat Fuß fasst. Die USA haben seit Trumps Amtsantritt das Interesse an aktiver Konfliktdiplomatie weitgehend eingestellt. In der Summe: Jeder im Saal der Vermittler hat ein Interesse daran, dass der Krieg nicht so endet, wie er moralisch enden müsste, nämlich mit einer Aufarbeitung der Verbrechen.
Der USAID-Kollaps: Wie Trump das letzte funktionierende Netz zerstörte
Am 20. Januar 2025, dem ersten Tag seiner zweiten Amtszeit, fror Präsident Trump per Executive Order alle US-Auslandshilfen für 90 Tage ein. Was folgte, war kein Stopp, sondern der Kollaps. Am 1. Juli 2025 wurde USAID formal aufgelöst und unter das State Department eingegliedert. Außenminister Marco Rubio verkündete die Kündigung von 5.200 Verträgen. Laut Analyse der Century Foundation wurden rund 86 Prozent der Auslandshilfeprogramme beendet. Die USA waren laut Operation Broken Silence bis dahin mit knapp 50 Prozent der wichtigste humanitäre Geldgeber für Sudan. Ihr Wegbruch war in Sudan nicht eine Kürzung unter vielen. Er war das Ende des Systems, das Millionen Menschen am Leben hielt.
Konkret. Die sogenannten Emergency Response Rooms, basisdemokratische Selbsthilfestrukturen, die nach dem Zusammenbruch des Staates das einzige funktionierende Verteilungsnetz in Sudan waren, wurden zu 75 bis 80 Prozent von USAID finanziert. Laut NBC News betrieben sie vor Trumps Executive Order 742 Gemeinschaftsküchen allein in Khartum, die rund 816.000 Menschen versorgten. Nach dem Einfrieren der Gelder schlossen binnen Wochen 80 Prozent dieser Küchen. Landesweit waren es laut Middle East Eye etwa 1.500 von 1.460 Küchen, die dichtmachten. 1,8 Millionen Menschen in Hungergebieten verloren Zugang zu Nahrung.
Die Lieferketten fielen auseinander. In Warenhäusern in Kamerun, Dschibuti und anderen Ländern begannen nach Middle-East-Eye-Recherchen Reis, Weizen, Linsen und Bohnen zu verrotten, die für Sudan bestimmt waren. Das Famine Early Warning System, FEWS NET, das seit den 1980er Jahren Hungerkatastrophen frühzeitig vorhersagte, wurde offline genommen. Die Washington Post dokumentierte Berichte von Müttern, deren Kinder verhungerten, nachdem die US-finanzierten Suppenküchen geschlossen hatten, während ältere Geschwister um Essen bettelten.
Die Langzeit-Schätzung liegt auf dem Tisch. Eine Lancet-Studie hat berechnet, dass die Abwicklung von USAID weltweit in den kommenden fünf Jahren 14 Millionen zusätzliche Tote verursachen wird, davon ein Drittel Kinder unter fünf. In Sudan wird die Hungerkatastrophe laut Einschätzung des Famine-Experten Alex de Waal die tödlichste seit einem halben Jahrhundert. 2024 starben nach verschiedenen Schätzungen bereits eine halbe Million Menschen an Hunger und Krankheit allein in Sudan. 2025 wurde noch schlimmer. 2026 läuft gerade.
Tom Perriello, letzter US-Sondergesandter für Sudan in der Biden-Regierung, sagte es ungeschönt: Die USAID-Kürzungen „kamen mit einem Body Count“ nach Sudan.
Das Muster: Das System adressiert nur, was nicht wehtut
Die Lücke zwischen Problem und Reaktion ist im Sudan so groß, dass sie sich nicht mehr mit Budgetknappheit erklären lässt. Die internationale Reaktion adressiert gezielt die Dimensionen der Krise, die humanitäre Sichtbarkeit erzeugen, also Ernährung und Gesundheit. Genau die Dimensionen, die politisch entscheidend wären, bleiben unbearbeitet. Konkret: das Waffenembargo, die Rechenschaft für Kriegsverbrechen, der Schutz vor weiteren Massakern, die Wirtschaftsstabilisierung, der Wiederaufbau zerstörter Gemeinschaften, und die politische Mitsprache der sudanesischen Zivilgesellschaft.
Das UN-Sicherheitsrat-Waffenembargo gilt bis heute nur für Darfur, nicht für den Rest des Landes. Eine Ausweitung wurde mehrfach diskutiert und scheiterte zuletzt an russischen und chinesischen Vetos. Im Februar 2026 verhängte der Sicherheitsrat nach dem El-Fasher-Massaker Sanktionen gegen vier RSF-Kommandeure, darunter den stellvertretenden Befehlshaber Abdul Rahim Hamdan Dagalo. Vier Personen nach über 6.000 dokumentierten Toten in drei Tagen. Das ist keine Akzente setzende Politik. Das ist symbolische Kosmetik.
Die Jeddah-Gespräche, die die USA und Saudi-Arabien 2023 eröffneten, brachen Ende des Jahres zusammen, nachdem beide Kriegsparteien Waffenstillstandsvereinbarungen verletzt hatten. Die sudanesische Zivilgesellschaft, insbesondere die Frauenorganisationen, die 2019 den demokratischen Übergang getragen hatten, waren systematisch aus den Verhandlungen ausgeschlossen. Der Bericht der US-AU-IGAD-Arbeitsgruppe ALPS kam nie zu einem Ergebnis. Die African Union Roadmap liegt still. Alle relevanten Mediationsprozesse sind faktisch tot.
Warum Europa schweigt
Das europäische Desinteresse ist die eigene Geschichte. Großbritannien und die EU haben ihre Entwicklungshilfebudgets 2025 gekürzt, um mehr Geld in Verteidigung zu stecken, nachdem Washington die Ukraine-Unterstützung reduzierte. Die britische Entwicklungsministerin trat im März 2025 explizit aus Protest zurück, weil die Kürzungen Gaza und Sudan treffen würden. In Deutschland sind die Sudan-relevanten Posten im Bundeshaushalt 2026 gegenüber 2023 real um mehrere hundert Millionen Euro geschrumpft.
Die zynische Rechnung hinter diesem Schweigen ist einfach. Sudan liegt nicht an einer strategisch wichtigen europäischen Grenze. Seine Flüchtlinge fliehen überwiegend nach Tschad, Ägypten und Südsudan, nicht nach Europa. Es gibt keine wirtschaftlichen Interessen, die europäische Regierungen zum Handeln zwingen. Die Emirate, einer der Hauptakteure des Krieges, sind Handelspartner. Ägypten ebenfalls. Russland ist ohnehin geächtet, aber der direkte Druck auf Moskau wegen Sudan würde neben der Ukraine-Front aufgemacht werden müssen, und dafür fehlt die Energie.
Das Ergebnis ist eine Krise, die fast vollständig unter dem Radar der europäischen Öffentlichkeit läuft. Während über den Gaza-Krieg täglich Schlagzeilen produziert werden, existiert Sudan in der deutschen Medienlandschaft überwiegend in Kurzmeldungen. Dass in Darfur gerade ein Genozid stattfindet, der mit Zahlen größer ist als alles, was Europa seit Srebrenica dokumentiert hat, wird kaum wahrgenommen.
Was noch möglich wäre
Es gibt konkrete Schritte, die nicht utopisch sind, sondern politisch machbar, wenn der Wille da wäre. Erstens: Das UN-Waffenembargo muss auf das gesamte Land ausgeweitet werden, mit verpflichtender Meldepflicht für alle Staaten, die Militärgüter an eine der Parteien liefern. Das bedeutet konkret, dass die Emirate sich rechtfertigen müssten. Es bedeutet, dass Russland sich rechtfertigen müsste. Es bedeutet, dass das Verhalten, das jetzt als Kollateralschaden hingenommen wird, zum dokumentierten Völkerrechtsbruch wird.
Zweitens: Jede zukünftige Mediation muss die sudanesische Zivilgesellschaft und Frauenorganisationen als gleichwertige Verhandlungsparteien einbeziehen, nicht als Randfiguren. Der systematische Ausschluss dieser Akteure ist einer der Hauptgründe, warum alle bisherigen Prozesse gescheitert sind. Wer den Krieg beenden will, muss die einbeziehen, die nicht kämpfen, sondern die Gesellschaft am Laufen halten.
Drittens: Die europäischen Regierungen, die gerade über verteidigungspolitische Priorisierungen reden, müssen für humanitäre Hilfe in Sudan einen klaren Betrag freimachen, der mindestens die US-Lücke von rund 800 Millionen Dollar jährlich füllt. Das ist weniger als der halbe deutsche Industriestrompreis. Es wäre leistbar. Es passiert nicht.
✦ ✦ ✦
Drei Jahre nach Kriegsbeginn, knapp sechs Monate nach dem Fall von El Fasher, hat sich die Front auf Kordofan verschoben. Die RSF-Strategie weist laut Human Rights Watch dieselben Muster auf wie in Darfur: Belagerung, Zermürbung, systematische Gewalt entlang ethnischer Linien. Ein dokumentierter Genozid wurde nicht verhindert. Ein zweiter ist im Entstehen. Und während dies geschieht, debattiert die deutsche Öffentlichkeit über Tankrabatte und Industriestrompreise, in einer Woche zwei Milliarden Euro beschlossen, beides Summen die mehr wären als der gesamte UN-Finanzierungsbedarf für Sudan. Die Proportionen sind bekannt. Die Reaktion ist es auch.
Quellen
- UN-Fact-Finding-Mission für Sudan, Bericht „Hallmarks of Genocide in El-Fasher“, Februar 2026: OHCHR
- UN-Menschenrechtsbüro, Bericht zu El Fasher, Februar 2026: OHCHR
- UN News zum Genozid-Bericht, Februar 2026: UN News
- Human Rights Watch, Interview zur El-Fasher-Einnahme, Februar 2026: HRW
- UNDP Sudan Annual Report 2024: UNDP
- UN OCHA, Sudan Humanitarian Response Dashboard 2024: OCHA
- Congressional Research Service, „The war and humanitarian crisis in Sudan“ (IF12816), 2025: CRS
- Ingman, C., „Great power ambitions and proxy wars: Sudan as a battlefield between Russia and Ukraine“, National Defence University Finland, 2024: NDU
- NBC News zu USAID-Kürzungen und Sudan-Küchen, Februar 2025: NBC
- Middle East Eye zu USAID-Kollaps und Lieferketten, November 2025: MEE
- Operation Broken Silence zu USAID-Folgen in Sudan, Juli 2025: OBS
- ABC News zu USAID als Fallstudie in Sudan, Juli 2025: ABC
- The Conversation, Alex de Waal zum USAID-Freeze in South Kordofan, April 2025: The Conversation
- Oxfam, Übersicht zu USAID-Kürzungen, 2025: Oxfam
- Musa et al., „Public health consequences of armed conflict in Sudan“, Public Health Challenges, 2024: DOI
- Policy Center for the New South, „The ongoing war in Sudan“, 2024: PCNS
- Carter, B. & Satti, H., „Supporting conflict-sensitive, locally-led humanitarianism in Sudan“, Disasters, 2025: DOI
- The New Humanitarian, „Documenting three years of war in Sudan“, April 2026: TNH
- The Century Foundation, „The Foreign Aid Wipeout“, Dezember 2025: TCF


