11.09.2026
Aktualisiert: 18:29 Uhr
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Die Rechnung kam am Sonntag

Sechs von zehn Arbeitern haben in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt, und auch die bürgerliche Mitte ist eingebrochen. Über den Erfolg der AfD und den Misserfolg der Politik.

Am Ende war es keine knappe Sache. Die AfD holte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 43,8 Prozent der Zweitstimmen, mehr als das Doppelte von 2021, und verfehlte die absolute Mehrheit im Landtag nur um drei Mandate. Die CDU fiel auf 17,2 Prozent, ihr schlechtestes Ergebnis in diesem Land überhaupt. Die Wahlbeteiligung erreichte 77,8 Prozent und übertraf den bisherigen Rekord von 1998 deutlich. Es war also keine Wahl der Erschöpften. Es war eine, zu der ungewöhnlich viele Menschen bewusst hingingen.

Das Ergebnis auf einen Blick

  • AfD 43,8 Prozent, mehr als das Doppelte von 2021, drei Mandate an der absoluten Mehrheit vorbei
  • CDU 17,2 Prozent, schlechtestes Landesergebnis überhaupt
  • SPD 9,3 Prozent (von 8,4), Grüne 8,9 Prozent, ihr bestes Landtagswahlergebnis in Sachsen-Anhalt
  • Wahlbeteiligung 77,8 Prozent, deutlich über dem Rekord von 1998
  • Größte Wanderung: rund 170.000 Stimmen von Nichtwählern zur AfD, zweitgrößter Block von der CDU

Wer verstehen will, was dort geschehen ist, muss sich ansehen, wer die AfD gewählt hat. Die Nachwahlbefragung von Infratest dimap zeichnet ein deutliches Bild. Unter Arbeitern kam die Partei auf annähernd 60 Prozent. SPD und Linke, die dieses Milieu über Jahrzehnte für sich beanspruchten, lagen dort zusammen bei gut einem Zehntel. Unter Angestellten erreichte die AfD 46 Prozent, unter Rentnern mit 38 Prozent ihren niedrigsten Wert. Je gesicherter die Lage, desto schwächer die Partei.

Am aufschlussreichsten ist die Aufschlüsselung nach der eigenen finanziellen Lage. Wer sie als schlecht bezeichnete, wählte zu 65 Prozent AfD. In dieser Gruppe fiel die CDU auf acht Prozent, die SPD auf drei. Das ist der erste Befund, und er ist eindeutig: Die AfD ist in Sachsen-Anhalt die Partei derjenigen, die sich ökonomisch am Rand sehen.

Der zweite Befund verhindert, dass man es sich zu einfach macht. Der Zustrom kam nicht allein aus dem Arbeitermilieu. Die größte einzelne Wanderungsbewegung speiste sich aus dem Lager der Nichtwähler, rund 170.000 Stimmen. Der zweitgrößte Block kam von der CDU. Es kippte also nicht nur die soziale Basis der Linken, sondern auch ein erheblicher Teil der bürgerlichen Mitte.

Ein Detail lohnt hier die Genauigkeit, weil es der bequemen Erzählung widerspricht. Nicht alle etablierten Parteien sind eingebrochen. Die SPD legte von 8,4 auf 9,3 Prozent zu, die Grünen erreichten mit 8,9 Prozent sogar ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Nur ist das kein Zeichen von Rückgewinnung. Weil Umfragen die AfD nahe an einer absoluten Mehrheit sahen, warben Kampagnen im Wahlkampf ausdrücklich für taktisches Wählen zugunsten von SPD und Grünen, damit diese die Fünfprozenthürde sicher nehmen. Beide Parteien haben überlebt, weil andere sie stützten. Bei Arbeitern kamen sie auf sechs und fünf Prozent, bei Menschen in schlechter finanzieller Lage auf drei und vier.

Die naheliegende Erklärung und ihr Einwand

Naheliegend ist der Schluss, wirtschaftliche Not treibe die Menschen nach rechts. So einfach ist es nicht. Eine im Juli 2026 in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlichte Studie der Soziologen Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke widerspricht der These vom Modernisierungsverlierer. Die Autoren werteten elf Wellen des Sozio-oekonomischen Panels aus, 110.194 Beobachtungen von knapp 32.000 Menschen zwischen 2014 und 2024. Ihr Ergebnis: Die Sorge über Zuwanderung erklärt rund drei Viertel der statistisch erklärbaren Unterschiede in der AfD-Sympathie, beim tatsächlichen Wahlverhalten sogar etwa neun Zehntel. Einkommen, Bildung und empfundene Benachteiligung verändern die Vorhersage kaum. Eine Person mit niedrigster Bildung, geringstem Einkommen und größter Sorge um die eigenen Finanzen, die Migration gelassen gegenübersteht, unterstützt die AfD den Berechnungen zufolge mit einer Wahrscheinlichkeit von 3,7 Prozent. Wer umgekehrt in jeder Hinsicht privilegiert ist, sich aber vor Einwanderung fürchtet, kommt auf acht Prozent, also mehr als das Doppelte.

Man könnte das für das Ende der ökonomischen Erklärung halten, und die Autoren legen diesen Schluss nahe. Eine Einschränkung bleibt trotzdem.

Die Autoren schreiben in ihrer Diskussion, ihre Ergebnisse seien zwar klar, aber es fehle ihnen eine kausale Erklärung. Offen bleibe die Frage, warum die Verbindung zwischen Migrationssorge und AfD-Unterstützung so direkt und so unabhängig von materieller Lage sei. Viele gängige Antworten, merken sie an, verschöben das Problem nur.

Genau in diese offene Stelle zielt das Argument der Ökonomin Isabella Weber. Es lautet nicht, Menschen wählten AfD, weil sie arm seien. Es lautet, dass ökonomische Verunsicherung den Nährboden bereitet, auf dem solche Weltbilder überhaupt gedeihen. Wer seit dreißig Jahren in einer Gegend lebt, aus der die Industrie und die jungen Leute abgewandert sind, erlebt reale oder eingebildete Abstiegsängste.

Den Inhalt liefert ein politischer und medialer Diskurs, der Migration seit Jahren als zentrale Bedrohung rahmt. Ökonomische und kulturelle Angst konkurrieren nicht um dieselbe Ursache, sie sind Glieder derselben Kette.

Dass beides zusammengehört, zeigen die AfD-Wähler selbst. In der Nachwahlbefragung gaben 91 Prozent von ihnen an, sich große Sorgen zu machen, dass zu viele fremde Menschen in Deutschland lebten. Fast ebenso viele, 89 Prozent, fürchteten, die Preise könnten so stark steigen, dass sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen könnten. 80 Prozent sorgten sich um ihren Lebensstandard. Diese Menschen trennen nicht sauber zwischen ökonomischer und kultureller Bedrohung. In ihrer Wahrnehmung gehört beides zu demselben Gefühl, dass ihnen der Boden entzogen wird. Die Konrad-Adenauer-Stiftung zieht daraus in ihrer eigenen Wahlanalyse den Schluss, dass diese Sorgen mit tatsächlichen materiellen Engpässen gekoppelt sein dürften.

Ein Umstand stützt die Deutung der projizierten Angst. Sachsen-Anhalt hat einen der niedrigsten Migrantenanteile des Landes. Nach der Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Landesamts lebten Ende 2025 rund 168.400 Ausländer im Land, bei 2,12 Millionen Einwohnern ein Anteil von 7,9 Prozent gegenüber 14,9 Prozent im Bundesdurchschnitt.

Der Widerspruch

Der Ausländeranteil in Sachsen-Anhalt liegt bei 7,9 Prozent, im Bundesdurchschnitt bei 14,9 Prozent. Die Sorge über Zuwanderung ist dort also besonders ausgeprägt, wo Zuwanderung am wenigsten erfahrbar ist.

Beide Befunde können wahr sein, wenn man sie nicht auf dieselbe Frage bezieht. Schröder hat recht: Am Wahltag unterscheidet die Haltung zur Zuwanderung die AfD-Wähler von allen anderen, und zwar deutlicher als jedes ökonomische Merkmal. Wer daraus jedoch schließt, die wirtschaftliche Lage spiele keine Rolle, verwechselt das Kennzeichen mit der Ursache. Und Weber hat recht: Diese Einstellung fällt nicht vom Himmel, sondern ist die Form, in der sich eine Angst artikuliert, für die niemand eine wirtschaftliche Sprache anbietet.

Eine Politik, die ihre eigene Diagnose verweigert

Das Statistische Bundesamt meldete für Juli einen Rückgang der Produktion im produzierenden Gewerbe um 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Der Ökonom Heiner Flassbeck und Erik Münster weisen darauf hin, dass diese Kurve seit dem ersten Quartal 2023 nahezu ungebremst fällt. Im selben Zeitraum, in dem die Unsicherheit wuchs, setzte die Bundespolitik ein Signal nach dem anderen in die Gegenrichtung.

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung hat die mittelfristige Finanzplanung des Bundes durchgerechnet. Zieht man die zweckgebundenen Kredite für Verteidigung und Infrastruktur ab, sinken die realen Ausgaben bis 2030 um mehr als 16 Prozent. Betroffen sind gerade die Bereiche, die für den Zusammenhalt eines strukturschwachen Landes zählen: Gesundheit real minus 43,5 Prozent, Bildung und Familie minus 26,4, Verkehr minus 21,1. Das IMK warnt vor einer sich selbst verstärkenden Entwicklung. Wer nachfragestarke Ausgaben kürzt, schwächt das Wachstum, mindert die Einnahmen und erzeugt neuen Kürzungsdruck.

Dahinter steht eine Denkweise, die Flassbeck seit Jahren angreift. Als der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, Roland Koch, Ende 2024 den Staat mit einer Familie verglich, deren Kasse belastet sei und die deshalb ihre Ausgaben neu ordnen und die Anstrengungen erhöhen müsse, nannte Flassbeck die dahinterstehende Unfähigkeit, zwischen Staat und Privathaushalt zu unterscheiden, das „größte wirtschaftspolitische Übel unserer Zeit“. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Spart der Staat in die Schwäche hinein, vertieft er sie.

Zu dieser Politik gehört ein Ton. Friedrich Merz hat wiederholt gefordert, in Deutschland müsse wieder mehr und effizienter gearbeitet werden. Die Zahlen sprechen dagegen: Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wurde zuletzt so viel gearbeitet wie nie seit der Wiedervereinigung, 54,7 Milliarden Stunden gegenüber rund 48 Milliarden nach der Jahrtausendwende, wobei der Zuwachs vor allem aus Teilzeit und Nebenjobs stammt. Flassbeck geht weiter und wirft dem Kanzler vor, er dichte den Deutschen „schlechte Arbeitsmoral, zu hohe Löhne und zu hohe Renten“ an, um Reformen zu begründen, die mit der wirtschaftlichen Lage nichts zu tun hätten.

In der Wählerbefragung sagten zwei Drittel der AfD-Anhänger, sie bekämen weniger als den gerechten Anteil. Das Gefühl, als Ostdeutsche noch immer Bürger zweiter Klasse zu sein, teilen 83 Prozent von ihnen. Bemerkenswert ist dabei weniger dieser Wert als seine Verbreitung: Auch bei Anhängern der Linken liegt er bei 75, bei der CDU bei 68 und bei der SPD bei 65 Prozent. Das Gefühl ist nicht das Kennzeichen einer Partei. Es ist die Grundstimmung eines Landes.

„Die AfD hat es nicht erzeugt. Sie hat als einzige daraus ein Angebot gemacht und profitiert.“

Der Ökonom Patrick Kaczmarczyk hat nach der Wahl darauf hingewiesen, dass ökonomische Fragen die Wahlentscheidung dominierten: Das wichtigste Motiv war soziale Sicherheit, gefolgt von Frieden und Wirtschaft. Der politische Diskurs im konservativen Lager, in Teilen der wirtschaftsliberalen Presse und bei Lobbyverbänden sei dagegen „völlig von der Realität abgekoppelt“. Man halte an der Überzeugung fest, Heilung gelinge nur über Einschnitte, zeige sich über die Wahlergebnisse schockiert und mache unverändert weiter.

Die Rechnung

Die AfD ist in Sachsen-Anhalt nicht deshalb stärkste Kraft geworden, weil sie ein überzeugendes wirtschaftspolitisches Angebot gemacht hätte. Ihr Programm unterscheidet sich in diesem Punkt kaum von dem der Konkurrenz. Sie ist es geworden, weil der Platz frei war. Die Sozialdemokratie und die Linke haben das Milieu preisgegeben, das sie einmal vertraten. Die Union hat die bürgerliche Mitte an eine Erzählung von notwendiger Härte verloren, die den Menschen im Osten wenig anbietet, außer der Aussicht auf weitere Einschnitte. Und ein großer Teil derer, die zuletzt gar nicht mehr wählten, hat eine Adresse für seinen Unmut gefunden.

Flassbeck hat einen Tag nach der Wahl geschrieben, wer sich weigere, das Wort Nachfrage überhaupt in den Mund zu nehmen, bereite den Weg dafür, dass die AfD auch auf Bundesebene mit Abstand stärkste Partei werde. Das ist eine Aussage über jene, die glauben, mit derselben Politik weitermachen zu können, welche die AfD so stark gemacht hat. Denn aufgemacht wurde diese Rechnung nicht am Wahlabend. Sie lief über Jahre: in einer Industrieproduktion, die seit Anfang 2023 fällt, in Haushaltsplänen, die bis 2030 real kürzen, in der Aufforderung an ein Land, mehr zu arbeiten, das ohnehin mehr arbeitet als je zuvor. Präsentiert wurde sie erst am Sonntag.

Quellen

  1. Bundeszentrale für politische Bildung, Hintergrund aktuell zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026: bpb.de
  2. wahlrecht.de, Wahlbeteiligung und Ergebnisübersicht: wahlrecht.de
  3. Legal Tribune Online, Sitzverteilung und Mehrheitsverhältnisse: lto.de
  4. Konrad-Adenauer-Stiftung, Wahlanalyse der Landtagswahl mit Zahlen zu Sorgen, Gerechtigkeitsempfinden und Wählerwanderung: kas.de
  5. Konrad-Adenauer-Stiftung, ausführliche Fassung als PDF: kas.de (PDF)
  6. Infratest dimap für ARD und tagesschau, Nachwahlbefragung vom 6. und 7. September 2026 (Werte nach Tätigkeit und finanzieller Lage)
  7. Tagesspiegel, AfD mobilisiert Nichtwähler und fast zwei Drittel der Arbeiter: tagesspiegel.de
  8. Schröder M., Rehm M., Röcke A. (2026): Supporters of Germany’s far-right AfD party are concerned about immigration rather than feeling deprived. PLOS ONE 21(7): e0350403: doi.org
  9. Universität des Saarlandes, Zusammenfassung der Studie: uni-saarland.de
  10. Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, Pressemitteilung 179/2026 zum Ausländeranteil Ende 2025: statistik.sachsen-anhalt.de
  11. IMK Kommentar Nr. 22/2026, Klaus Seipp, zu den geplanten Kürzungen: imk-boeckler.de
  12. Flassbeck/Münster, Der Rezessionstrend setzt sich fort, 8. September 2026: relevante-oekonomik.com
  13. Flassbeck, Sachsen-Anhalt: Die Demokratie wehrt sich gegen die guten Demokraten, 7. September 2026: relevante-oekonomik.com
  14. Flassbeck, Ludwig Erhard dürfen Sie auf keinen Fall wählen, 20. Dezember 2024, mit dem Zitat von Roland Koch: relevante-oekonomik.com
  15. Patrick Kaczmarczyk, Interview zuerst in der Frankfurter Rundschau, dokumentiert bei den Nachdenkseiten: nachdenkseiten.de
  16. taz zur Arbeitszeitdebatte und den Zahlen des IAB: taz.de

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